Wort der Zuversicht: Glückselig sein

Es gibt Zeiten, da wird man auf seinen eigenen Konfirmationsspruch aufmerksam. Meiner ist: „Selig sind die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden!“ Matthäus 5,4. Ich konnte lange damit nichts anfangen. Mir ging es ja bisher verhältnismäßig gut und dafür bin ich dankbar. Klar es gab und gibt auch schwierige Zeiten, doch tiefes Leid musste ich noch nicht erleiden.
Jesus, der Erfinder dieses Satzes steht auf einem Berg. Er sieht das Volk vor sich. Und das berührt ihn. Er sieht nicht nur viele Leute, eine große Masse, anonym. Er sieht jeden Einzelnen. Er weiß, was ihnen fehlt, woran sie leiden und er weiß, was sie brauchen. Und er sagt ja nicht: euer Leid soll auf einen Schlag beendet sein. Er sagt auch nicht: euer Leid ist Ausdruck des Zornes Gottes über diese gottlose Welt. Er sagt auch nicht: nehmt eure Leid nicht so ernst. Kopf hoch, wird schon wieder. Nein er spricht: Selig seid ihr, makarios – glückselig. Warum soll ich mich glückselig schätzen, wenn ich Leid trage. Ich will Leid vermeiden, ihm aus dem Weg gehen, es los werden. Klar, wer nicht.
Aber wenn es da ist, darf mich deshalb glückselig schätzen, weil ich zwei Perspektiven haben darf. Das Erste: Ich bin in meinem Leid nicht allein. Jesus ist da. Kein Leid kann mich von seiner Liebe trennen, er geht deinem Leid nicht aus den Weg, er leidet mit.
Und das zweite: einmal wird alles Leid überwunden sein, einmal wird er alle Tränen abwischen, kein Leid, keine Krankheit, keine Seuche, kein Tod mehr, keine Angst, keine Sorge mehr. Darin liegt der Trost: denn sie sollen getröstet werden – schon hier und erst recht in seinem Reich.
Und noch etwas: „Selig sind die da Leid tragen“ – das sind für mich diejenigen, die gerade jetzt einen ungeheuren Dienst leisten: alle, die im Arztberuf, im Pflegebereich tätig sind – nicht nur bei uns in Deutschland, ich denke an Italien und Spanien, an die Leute, die dort bis zur Erschöpfung arbeiten, um zu verhindern, dass der Corona den Tod bringt. Und ich denke an die Seelsorge dort und an vielen Punkten dieser Erde, deren Beruf es ist, zu trösten, mitzuleiden, beizustehen, zu beten, Hände zu halten – ohne die Hände berühren zu dürfen, in den Arm zu nehmen und das auf Abstand.
Sie werden getröstet werden und jede und jeder, die da mittun, die in diesen Tagen zum Tröster werden, werden selbst einmal getröstet werden. Glückselig sind sie.
Pfarrer Thomas Schorsch 30.03.2020

Gottesdienst für Zuhause von unserer Prädikantin Monika Ruhnau

Und hier ein neuer ein Gottesdienst für Zuhause von unserer Prädikantin Monika Ruhnau für Sie:

Als Download: Impuls für den Sonntag 29.03.2020

Der Friede Gottes sei mit Euch allen – Der Friede sei mit Dir

Guten Morgen, liebe Geschwister! Judika heißt unser Sonntag, eine inständige Bitte aus Psalm 43: Schaffe mir Recht, o Gott und errette mich. Seit hunderten von Generationen ist dies ein Hilfeschrei der Armen, Kleinen und Schwachen. Wie gut tut da das Band der Solidarität in unseren Tagen, die vielen kleinen aufheiternden Worte, die Nachbarschaftshilfe und nicht zuletzt und ganz besonders das aufrechte Mühen der politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen, keinen zurückzulassen.

So lasst uns feiern

Im Namen Gottes: des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat,der Bund und Treue hält ewiglich und der nicht loslässt das Werk seiner Hände.

Morgengruß Lied 449 Die güldne Sonne voll Freud und Wonne

Bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder; aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

Gebet

Gütiger Vater, voll Zuversicht, ohne Pessimismus wollten wir die Passionszeit begehen. Doch es ist so schwer.

Die Sonne scheint hoch vom Himmel, der Coronaschrecken scheint unwirklich, nicht zu greifen. Hilf uns geduldig zu bleiben und vernünftig.

Lass uns bedenken, dass jeder Tag seine eigene Plage und Mühe hat und dankbar sein, wenn wir jeden Tag aufs Neue gesund unser Tagwerk begehen können. Lass uns im Gebet füreinander da sein.

Wir bitten dich für die Menschen, die ihren Dienst für die Gemeinschaft leisten: In Laboren, in Krankenhäusern, in Lebensmittelläden, in der Politik… Schenke ihnen Kraft für ihr Tun und Mut für ihre Entscheidungen.

Wir bitten dich für die Kranken: Steh ihnen bei durch Menschen, die versuchen, ihr Leid zu lindern. Nimm sie in Liebe an, wenn alles Menschentun nicht mehr helfen kann. Gütiger Vater, du bist Halt unseres Lebens in Angst.

Wir bitten um deine tägliche Zurüstung durch dein Wort des Lebens, wenn wir gemeinsam mit den Worten deines Sohnes beten:

Vater Unser

Geleit für die Woche Lied 421 Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten. Es ist ja doch kein anderer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott alleine.

Herr, wir bitten dich:

Segne uns. Halte deine schützenden Hände über uns und gib uns deinen Frieden. Amen

Der Predigttext steht im Hebräerbrief, Kapitel 13, die Verse 12-14

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Liebe Geschwister, mit diesen Zeilen tauchen wir tief hinein in die Passionszeit. Im Gottesdienst würden wir neben dem Halleluja auch nicht mehr das Gloria „Lobe den Herrn, meine Seele“ singen. Stiller soll es werden bis Ostern. Die Zeilen rücken den tiefen Sinn unseres Glaubens in den Focus. Jesus, der unsagbar gelitten hat, draußen vor dem Tor von Jerusalem, auf Golgatha am Kreuz.

Und dieses Leiden im Einklang mit Gott, seinem gütigen Vater. Im Bewusstsein, dass es keine Laune seines Vaters ist, sondern lauter Liebe zu seinem Volk, zu allen Menschen. Fast an Gott zweifelnd: Mein Gott, warum hast du mich verlassen – um dann doch sagen zu können: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände. Und Gott handelt an ihm und weist den Tod in seine Schranken.

Und so können wir singen: Jesus lebt, mit ihm auch ich. Heiligen, welch altertümliches Wort, für protestantische Ohren ungewohnt. Doch es meint: Mit Gott im Einklang sein, angenommen sein. Keine Schuld trennt uns, im Handeln an Jesus hat Gott sie getilgt. Wir können nicht mehr zu Jesus hinausgehen. Aber wir dürfen voll Zuversicht glauben:

Jesus lebt, mit ihm auch ich. Doch unser Leben bleibt fragil, wir haben keine Vollkaskoversicherung. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Welch eindringlicher Satz in diesen Zeiten! Da hatten wir Menschen doch bis Jahresanfang gedacht, wir hätten alles im Griff. Trotz kleiner Dellen: die Wirtschaft läuft, mit Fußballeuropameisterschaft und Olympiade das Jahr sportlich wunderbar getaktet, Syrien werden wir irgendwie aussitzen und wenn wir erst einmal ein paar Flüchtlingskinder aufnehmen, reicht das doch als humanes Zeichen.

Und jetzt ist alles anders: Ein Virus hebelt uns aus, nichts geht mehr und zeigt uns, auf welch tönernen Füßen unsere Gemeinwesen stehen. Was ist wichtig im Leben? Das mit der Nachbarschaftshilfe haben wir doch eigentlich immer schon gewusst?! In diesem Satz ist das Suchen das Wichtigste!

Das Suchen nach dem besseren Miteinander, das Suchen nach besseren Lebensbedingungen für alle, das Suchen nach Frieden und dem Einklang mit der Natur. Hier haben wir keine bleibende Stadt, kein Paradies, aber eine Ahnung von Gottes Wollen und Wünschen für uns Menschen. Wir haben eine Hoffnung auf eine bessere Welt, auf ein neues Jerusalem, wo Gott abwischen wird alle Tränen.

Auf dieses neue Jerusalem können wir zugehen mit einem Blick offen für das, was der andere braucht. Das wäre auch eine gute Strategie für nach Corona.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Ewigkeit. Amen

Prädikantin Monika Ruhnau 27.03.2020

… wenn man trotzdem lacht! – Wort der Zuversicht / 27. März 2020

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Trotzdem die Situation – die „aktuelle Situation“, wie sie gerade auch oft genannt wird – gar nicht zum lachen und sich freuen ist.

Gerade darum liebe ich die vielen Witze, Wortspiele und Bildchen, die gerade die Runde machen. Ganz im Ernst, wer hätte Anfang des Jahres gedacht, dass Witze über knappes Klopapier der Renner sind? Dass schon überlegt wird, wie man die ganzen Klopapierrollen in der Adventszeit verbasteln kann? Vielleicht mit aufgeklebten (Sternchen-)Nudeln verzieren?

Wir brauchen das – lachen und fröhlich sein in einer Lage, wo einem auch das Lachen im Hals stecken bleiben könnte.

Und ich brauche noch viel mehr – ich brauche Gott, der mich fest an der Hand hält.

Trotzdem – das heißt beim Beter von Psalm 73, 23:

„Trotzdem bleibe ich immer bei dir. Du hast mich an die Hand genommen.“

Die Corona-Krise – wie sehr beschäftigt mich das! Uns alle, ja, die ganze Welt ist in der Krise. Wir reiben uns die Augen, wie sehr sich die Welt verändert hat. Und auch unser Glaube, unser Vertrauen auf Gott werden in besonderer Weise auf die Probe gestellt. So wie beim Beter von Psalm 73, den das Leben und die Wirklichkeit verzweifeln lassen. Eigentlich will er doch Gott vertrauen, aber das, was er erlebt, lässt ihn grübeln und zweifeln. Er hatte ganz andere Probleme als wir heute.

Aber er ist und bleibt im persönlichen Gespräch mit Gott. Er schüttet vor Gott sein Herz aus. Ihm sagt er seine ganze Not, seine Angst und seinen Kummer. Das ist gut und tut ihm gut. Es hilft ihm weiter und lässt ihn nach vorne blicken. Und noch viel mehr, er richtet seinen Blick auf den Herrn, seinen Gott.

„Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“ – so heißt es in der Luther-Übersetzung.

Das ist das Wagnis des Glaubens, sich an Gott festzuhalten gegen den Augenschein. Das tröstet, richtet auf und trägt durch. „Dennoch bleibe ich stets an dir!“ das ist ein wunderbares Bekenntnis. Und ein tragfähiger Grund für mein Leben, gerade wenn vieles ins Wanken gerät.

Aber davor steht, dass Gott uns seine Hand hinhält. Wir brauchen sie nur ergreifen und auf ihn schauen. Gott ist da. Immer. Er trägt und hält mich auch jetzt. Jeden dieser aktuellen Tage ist er uns nah, wo sich die schlechten Nachrichten überschlagen. Trotzdem und dennoch!

„Trotzdem bleibe ich immer bei dir. Du hast mich an die Hand genommen.“ Das will ich neu lernen und mich mit dieser Zuversicht durch diese Zeit tragen lassen.

Ach übrigens – wie wir wohl bald alle aussehen, wenn wir uns jetzt selbst die Haare schneiden müssen?!?

Mit den besten Wünschen, Bärbel Albers

Ein Gebet in diesen Tagen…

Du Gott des Lebens,

Du weißt, wie uns zumute ist.

Wir erleben eine Situation, wie die meisten von uns sie noch nie kennengelernt haben. Vieles beunruhigt uns.

Wir machen uns Sorgen um unsere Lieben, um unsere Gesellschaft und um uns selbst.

Wir bitten Dich für alle, die erkrankt sind. Für alle, die als Angehörige und Freund*innen an ihrer Seite stehen. Trage sie alle durch diese schwere Zeit!

Wir bitten Dich für alle, die sich mit vollem Einsatz um sie kümmern: Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und Ansprechpartnerinnen in Einrichtungen, Sprechstundenhilfen und viele mehr.

Sie tun Dienst bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus. Stärke sie! Gib ihnen immer wieder neue Kraft! Und hilf, dass auch sie in allem immer wieder Momente der Erholung finden. Und dass unser Dank und unsere Wertschätzung sie erreicht.

Wir bitten Dich für alle, die jetzt schwere und weitreichende Entscheidungen treffen müssen in Krisenstäben und Ministerien – in einer auch für sie völlig neuen Situation. Gib auch ihnen immer neu Kraft und Weisheit und Mut! Hilf uns allen, sie zu unterstützen und ihnen den Rücken zu stärken.

Wir bitten für alle, die mit ganzer Kraft daran arbeiten, das Wichtigste in unserer Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Für alle Verkäufer*innen in den Lebensmittelläden, alle Mitarbeitenden in der Ver- und Entsorgung, alle Ordnungskräfte, alle Mitarbeitenden in KiTas, Schulen – und viele mehr. Wir danken Dir dafür, dass sie alle da sind und ihren Dienst tun!

Wir bitten Dich für alle, deren wirtschaftliche Existenz von Tag zu Tag stärker gefährdet wird. Hilf uns allen, gerade jetzt solidarisch zu sein und die Folgen der Krise miteinander zu teilen.

Wir bitten Dich besonders für alle, die sich gerade im Moment allein und isoliert fühlen. Die nicht verstehen können, was um sie herum geschieht. Segne sie besonders! Lass Menschen da sein, die ihre Einsamkeit immer wieder mit Anrufen und guten Worten überwinden!

Gott, wir bitten Dich für uns alle! Hilf uns, gerade in diesen Zeiten gut aufeinander zu achten und füreinander da zu sein. Schenk uns gute Ideen, wie wir einander beistehen und helfen können. Lass uns in dieser Krise innerlich zusammenrücken, auch wenn wir körperlich Abstand halten müssen. Gib, dass das Beste in uns in dieser Krise zum Vorschein kommt. Mach uns zu Werkzeugen Deiner Liebe und Deines Friedens. Und zeig uns immer wieder, wie unfassbar nahe Du uns bist – gerade jetzt!

Amen.

Von Jo Römelt aus der Kirchengemeinde Solingen Dorp

Frühling ist nicht abgesagt! / „Ein Wort der Zuversicht“ für Montag, 23. März

Ein Bild macht in diesen Tagen die Runde, mit einem wunderschönen weit gespannten Regenbogen. Dazu die Worte:

„Nicht alles ist abgesagt“ Sonne ist nicht abgesagt Frühling ist nicht abgesagt Beziehungen sind nicht abgesagt Liebe ist nicht abgesagt Lesen ist nicht abgesagt Zuwendung ist nicht abgesagt Musik ist nicht abgesagt Phantasie ist nicht abgesagt Freundlichkeit ist nicht abgesagt Gespräche sind nicht abgesagt Hoffnung ist nicht abgesagt Beten ist nicht abgesagt… (Quelle mir leider unbekannt)

Daran muss ich denken, als ich – immer auf 2 m Abstand selbstverständlich – mal spazieren gehe, draußen in der Sonne! Mal den Kopf lüften beim ansonsten wichtigen „zu Hause bleiben“.

Der Frühling platzt aus allen Nähten und Knopflöchern und macht weiter, als ob nichts wär! Die Narzissen stehen in voller Blüte, ein Zitronenfalter flattert über die Wiese, ich entdecke den ersten Marienkäfer und eine dicke Hummel brummt herum. Nein! Frühling ist nicht abgesagt!

Mir kommt der Regenbogen in den Sinn. Er ist Gottes Zeichen am Himmel. Ein deutlich sichtbares Zeichen. Aber dennoch nicht selbstverständlich. Es nutzt sich nicht ab. Vielleicht geht es Ihnen wie mir, das ist doch immer was Besonderes, einen Regenbogen anzusehen, oder? Ich freu mich und möchte ihn möglichst lange anschauen können. Stehe immer wieder staunend da. Und man fragt sich gegenseitig – hast du auch den tollen Regenbogen gesehen?

Und ich erinnere mich gerne an Gottes Liebeserklärung, seine Großzügigkeit. Sein Versprechen, dass er die Erde nicht vernichten will. An den Bund, den Gott mit seinen Menschen schließt. Gott verspricht: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören, Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. (1. Mose 8,22 + 9, 13)
Wir denken an den Bund, aber Gott selbst auch! Wenn Gott diesen Bogen sieht, dient er ihm selbst als Erinnerungszeichen – das ist sein Knoten im Taschentuch! –, dass er diesen Bund geschlossen hat. Dass er sich festgelegt und verpflichtet hat. Wenn der Bogen am Himmel zu sehen ist, denkt Gott selber daran, dass er sich für uns Menschen ausgesprochen hat. Dass er auf unserer Seite ist. Immer, Tag und Nacht! Das heißt auch in hellen, fröhlichen Zeiten, aber auch in dunklen, schweren Zeiten.

Also auch jetzt ist Gott da, er ist mir nah! Das ist auch nicht abgesagt! Sondern angesagt wie nie!

Mit dieser Zuversicht gehe ich wieder nach Hause. Erfrischt und gestärkt an Leib und Seele!

Mit den besten Wünschen – Bärbel Albers

Gottesdienst für Zuhause von unserer Prädikantin Monika Ruhnau

Ab jetzt jeden Samstag für Sie ein Gottesdienst für Zuhause von unserer Prädikantin Monika Ruhnau:

Als Download: Impuls für Sonntag 22.03.2020

Der Friede Gottes sei mit Euch allen – Der Friede sei mit Dir

Guten Morgen, liebe Geschwister! Lätare heißt unser Sonntag, das heißt: Freuet Euch.

Wie soll das gehen? Die Sonne scheint und wir sitzen in unseren Stuben und dürfen uns nur auf Abstand sehen, uns nicht umarmen, nicht gemütlich zusammensitzen, nicht gemeinsam Gottesdienst feiern. Für mich heißt Lätare in diesen Zeiten, den Schalter nicht nur auf schwarz zu stellen, sondern dankbar und froh all die vielen kleinen Zeichen von sich Kümmern und Solidarität wahrzunehmen.

So lasst uns feiern

Im Namen Gottes: des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat, der Bund und Treue hält ewiglich und der nicht loslässt das Werk seiner Hände.

Morgengruß Lied 440

All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu; Sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.

Gebet

Gütiger Vater, unser Leben ist aus den Fugen geraten. Angst und Sorge um uns, unsere Lieben, unsere Nachbarn… sind steter Lebensbegleiter geworden. Wir möchten uns nahe sein und uns beistehen, doch genau das dürfen wir nicht.

Wir bitten dich:

Befreie uns von der Angst, die uns nur schwarzsehen lässt.

Wecke unsere Kreativität, wie wir für einander da sein können.

Gib uns Einsicht für die Einschränkungen, die wir zum Wohle aller hinnehmen müssen.

Lass uns im Gebet füreinander da sein.

Wir bitten dich für die Menschen, die ihren Dienst für die Gemeinschaft leisten:

In Laboren, in Krankenhäusern, in Lebensmittelläden, in der Politik…

Schenke ihnen Kraft für ihr Tun und Mut für ihre Entscheidungen.

Wir bitten dich für die Kranken:

Steh ihnen bei durch Menschen, die versuchen, ihr Leid zu lindern.

Nimm sie in Liebe an, wenn alles Menschentun nicht mehr helfen kann.

Gütiger Vater, du bist Halt unseres Lebens in Angst.

Auch wenn für uns das Licht von Ostern noch verhangen ist -Lätare!

Stecke uns an mit deiner Freude, die uns begegnet in Jesus Christus, mit dessen Worten wir unser Gebet schließen

Vater Unser

Geleit für die Woche Lied 421

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten. Es ist ja doch kein anderer nicht, der für uns könnte streiten,denn du, unser Gott alleine.

Herr, wir bitten dich:

Segne uns. Halte deine schützenden Hände über uns und gib uns deinen Frieden. Amen

Der Predigttext steht im Jesajabuch, Kapitel 66, die Verse 10-14

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Gibt es ein schöneres, ein friedlicheres Bild als das eines Kindes an der Mutterbrust?! Warm in den Armen gehalten, versorgt mit allem, was es zum Leben braucht: Nahrung und Zuwendung. Und es ist im Übermaß alles da: satt trinken darf es sich, reichlich trinken, die Mutterbrust ist voll.

Da braucht es keine Hamsterkäufe, wenn wir das doch endlich einsehen wollten. Und dann ist da die Freude. Die Freude, die in diesen, unseren Tagen viel zu kurz kommt. Freuet euch, seid fröhlich, euer Herz soll sich freuen. Mit so viel Leidenschaft vorgetragen, wie gern würde ich mich davon anstecken lassen, doch das fällt nicht leicht in Coronazeiten.

Doch da ist ja auch noch der Trost. Kein Gott mit starkem Arm, kein Fels. Nein, Gott tröstet, wie einen seine Mutter tröstet und liebkost uns auf ihren Knien. Wie tröstlich, jetzt wo wir Abstand halten müssen, winken statt Händereichen und Umarmen nur noch virtuell stattfindet. Gott ist bei uns.

Wir sind nicht allein, eine hält uns im Arm. Und dazu noch Frieden und Reichtum. Überströmend! Angesichts der Flüchtlingslager, um die sich jetzt erst recht so keiner kümmern will, erscheint mir Jesajas Bild wie eine Utopie. Aber woher sollten wir sonst unsere Antriebskraft nehmen, wenn nicht in der Zuversicht, dass bei Gott nichts unmöglich ist. Ein überbordendes Hoffnungsbild breitet der Prophet Jesaja vor seinen Landsleuten in Israel aus.

Denn nichts war in Ordnung nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft: der Tempel zerstört, Äcker lagen brach, man brachte sich irgendwie durch. Da hinein spricht Jesaja sein kraftvolles Wort. Es wird nicht so bleiben. Ihr werdet wieder voll Freude nach Jerusalem schauen. Der Tempel, der Mittelpunkt eures Glaubens, wird wieder stehen und das wird euer Leben im ganzen Land beflügeln. Ihr werdet‘s sehen.

Liebe Geschwister, ein Text, der allem zum Trotz auch in unseren Alltag hineinstrahlen und das Fenster für Ostern ganz weit öffnen möchte. Lätare ist wie ein kleines Bergfest in der Passionszeit, das meiste haben wir schon hinter uns, jetzt geht es stramm auf Ostern zu. Soweit sind wir mit dem Virus noch lange nicht, bleiben wir geduldig und vernünftig, Osterhalleluja geht auch an vielen kleinen Orten. Und schon jetzt gilt: Die Ketzberger Kirche, der Mittelpunkt unseres Glaubens, wird auch wieder geöffnet sein. Ihr werdet’s sehen. Und dann: Freuet Euch!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Ewigkeit.

Amen               

von Monika Ruhnau zum 22.03.2020

 

Andachten (statt Gottesdienste) – In Gottes Arme flüchten und Bäume umarmen!

Ab sofort veröffentlichen wir mehrmals wöchentlich hier Andachten unserer Nachbargemeinde Gräfrath:

In Gottes Arme flüchten und Bäume umarmen! / Mittwoch, 18. März

Zuversicht – so lautet das Motto der diesjährigen evangelischen Fastenaktion – sieben Wochen ohne Pessimismus. Wie passend ist das in dieser Zeit! Solche Titel werden lange im Voraus ausgewählt und festgelegt. Was wäre gewesen, wenn die „Macher“ im letzten Jahr schon mal einen Blick in den März 2020 hätten werfen können? Vermutlich hätten sie gedacht – das kann gar nicht sein! Das gibt´s doch nicht! Dass ein Virus die Welt derart im Griff hat und verändert. Und dass wir aktuell so viel Zuversicht nötig haben, wo jeden Tag, fast stündlich neue Meldungen kommen, sich die Ereignisse überschlagen, die uns pessimistisch drein blicken lassen. Zuversicht – brauchen tun wir sie immer, aber mir erscheint sie gerade so nötig wie selten zuvor.

In Psalm 62, 8+9 heißt es: „Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott. Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht.“

Wie gut, dass wir für unseren Pessimismus und das, was uns Kummer und Sorgen macht, eine Adresse haben. Gott ist unsere Zuflucht, so übersetzen andere das Wort Zuversicht. In Gottes Arme dürfen wir uns flüchten. Bei ihm dürfen wir alles loswerden, was uns auf dem Herzen liegt und bedrückt. Gott sei Dank dürfen wir bei ihm unser Herz ausschütten, alles belastende Gott hinlegen.

Der Beter des Psalms hat erlebt, dass Gott ihm hilft. Er fühlt sich bedroht und verfolgt. Aber er bleibt nicht allein mit seiner Angst und verkriecht sich nicht in ihr. Nein, er betet zu Gott, dass der ihm hilft und neue Kraft gibt. Öffnet ihm sein Herz und schüttet seinen Pessimismus in Gottes Hände.

Und das macht seine Seele still und er wird ruhig darüber, so beschreibt er das. Das möchte ich neu von ihm lernen. Gott alles sagen und darauf vertrauen, dass in seinen Händen alles gut aufgehoben ist. Weil Gott größer ist als alles, was uns Angst macht.

Ich persönlich schlafe schlecht, wenn mich Sorgen und Probleme belasten. Heute habe ich aber so gut geschlafen wie lange nicht mehr! Draußen scheint die Sonne. Das lässt mich dankbar und zuversichtlich aus dem Fenster schauen, wo ich die Nachbarskinder spielen sehe. Und ich muss schmunzeln, als sie Bäume umarmen – das ist auch in Virus-Zeiten nicht verboten!

Danke, guter Gott, dass du der „Fels meiner Stärke“ bist, danke dass ich mein Herz bei dir ausschütten darf! Gott, du bist und bleibst unsre Zuversicht.

Diese Zuversicht wünsche ich Ihnen und Euch heute und in den nächsten Tagen!

Bärbel Albers

Predigt von Pfarrer Sticherling am 15.03.2020 zu Lukas 9, 59-60

Lukas 9, 59-60: Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Selten habe ich erlebt, wie ein Predigttext, den wir ja nicht frei wählen, ins Schwarze trifft.  Am Freitag noch haben wir darüber gesprochen, wie wir unter den gegebenen Bedingungen Beerdigungen abhalten können. In der Stadt Köln wie auch im gesamt Erzbistum Köln finden keine Gottesdienste mehr statt und ich kann derzeit nicht versprechen, ob wir hier am nächsten Sonntag noch Gottesdienst feiern können. Aber Beerdigungen sind nicht aufschiebbar. Zu sagen: Lass die Toten ihre Toten begraben, wäre extrem unbarmherzig und den Trauernden gegenüber verletzend. Es ist unsere Pflicht, den Verstorbenen den ihnen gebührenden Respekt zu erweisen und die Trauernden beim Abschied von ihnen zu begleiten. Nichts kann uns davon dispensieren, dieser Pflicht nachzukommen. Am kommenden Freitag wird es hier auf dem Friedhof eine größere Beerdigung mit vielen Teilnehmenden geben: Wir stehen in der Verantwortung für einen angemessenen Abschied. Aber ich kann nicht sagen, was bis Freitag noch passiert. Wenn’s um Leben oder Tod geht – wer kann ausschließen, dass auch noch diese geplante Trauerfeier verboten wird, so wie die Gottesdienste in Köln? Wenn es lebensgefährlich wird, daran teilzunehmen. Wenn es wirklich um Leben und Tod geht. Wie viele Verstorbene im zweiten Weltkrieg – und so wird es in jedem Krieg sein – haben deswegen keine angemessene, keine würdige Trauerfeier erhalten?
Wenn‘s um Leben oder Tod geht. Das ist genau die Frage, auf die Jesus mit diesem geradezu verletzenden Wort anspielt – schließlich trauert der Angesprochene um seinen gerade verstorbenen Vater. So als wollte er sagen: In der Tat – es geht in der Nachfolge um Leben oder Tod. Es geht um das Reich Gottes, und beim Reich Gottes geht um Leben oder Tod. Das Reich Gottes ist nicht zu vergleichen mit der Portion Schlagsahne auf dem Obstkuchen, der auch ohne sie immer noch lecker ist. Das Reich Gottes ist Leben. Und wo das Reich Gottes nicht ist, da ist kein Leben. Da ist der Tod. Es geht ums Leben, es geht um unsere Existenz, es geht um die Existenz unsere Schöpfung. Die Abwesenheit des Reiches Gottes ist gleichbedeutend mit dem Tod der Schöpfung, der Menschheit, dem eigenen Tod. So scharf sieht Jesus das.
Er ruft Menschen in die Nachfolge, er ruft sie aus einer Welt, die lebend schon tot ist, schon im Sterben liegt, nicht mehr zu retten ist, vor sich hinvegetiert. Er ruft sie aus dem Tod ins Leben. Den Schritt vom Tod ins Leben zu gehen bedeutet, einen radikalen Bruch zu vollziehen, mit allem, was bisher war. Zu erkennen: Alles das, was bisher für mich Leben bedeutet hatte, ist längst vom Tod gezeichnet. Auch die Solidarität gegenüber der eigenen Familie und der Respekt vor dem verstorbenen Vater. Auch das, was uns bisher – aus gutem Grund! – heilig ist, gehört in die Sphäre des Todes, des unabwendbaren Sterbens. Dass Jesus Menschen in die Nachfolge ruft, macht sichtbar: Wir gehören in eine Welt, die vom Tod gezeichnet, die unheilbar krank ist. Und aus dieser vom Tode gezeichnet Welt sich zu verabschieden und aufzubrechen – das geht nur ganz oder gar nicht. Das geht nicht stückweise. Das geht nicht nach und nach oder irgendwann. Entweder jetzt oder nie!
Wir erfahren nicht, wie der Mann sich entschieden hat, der mitten in seiner Trauer um seinen Vater von Jesus in die Nachfolge gerufen wird. Wird er seinen Vater in angemessener Weise beerdigen und Jesus vorbeiziehen lassen? Oder nimmt er den Ruf wahr um den Preis der Respektlosigkeit seinem verstorbenen Vater gegenüber, mitten in der Trauerarbeit, für die Zeit sich zu nehmen auch wir Seelsorger immer wieder raten? Deutlich wird daran: Die Nachfolge Jesu – das ist ein Bruch mit allem, was uns vertraut ist, was sich von selbst versteht, was angemessen ist.
Was uns vertraut ist, was sich von selbst versteht, was angemessen ist: Gerade machen wir die Erfahrung, dass das nicht reicht. Ja, dass sogar eine tödliche Gefahr davon ausgehen kann, wenn man sich auf das beschränkt. Um Leben zu retten, kann es sein, dass wir genau damit brechen müssen. Dass das uns Vertraute, das Selbstverständliche, das Angemessene dieses Mal nicht mehr entscheidend und nicht hilfreich ist. Dass es was völlig anderes ist, worauf es ankommt. Die Sache mit dem Coronavirus müsste uns eigentlich klar vor Augen stellen: Sind wir die Toten, die sich um die Toten kümmern?
Und dennoch – so schwer dieses harte Wort Jesu zu hören und zu lesen ist, so wenig es zu ertragen ist – es ist beim näheren Hinschauen am Ende dann doch entlastend und befreiend. Es wird nämlich auch deutlich, dass die Nachfolge nicht unsere Möglichkeit ist. Sie ist nichts, was von uns verlangt wird. Wir können die Nachfolge nicht leisten – es sei denn, Gott selbst schafft sie in uns. Es sei denn, wir werden in sie gerufen. Es sei denn, Jesus selbst ist es, der uns auf seinen Weg mitnimmt. Die Berufung in die Nachfolge ist zwingend Voraussetzung. Die Nachfolge ist nichts anderes als die Verwirklichung einer Berufung. Es ist also nicht unsere Aufgabe zu fragen, lasse ich jetzt alles hinter mir, breche ich jetzt hier und gleich auf, ohne Aufschub, ohne Zögern? Wer das tut, fragt nicht mehr. Er tut es einfach. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht mehr.
Es gibt ja Leute, die diesen schroffen Bruch hier und jetzt und ohne Aufschub vollziehen. Es gibt sie bis heute. Durch solche Menschen ist Jesus auch heute mitten unter uns. Im Lukasevangelium ist nicht so ganz eindeutig, wer zu den Nachfolgenden gehört. Da ist von den Zwölfen die Rede. Der Evangelist Lukas sprich aber gelegentlich auch mal von 72, die nachfolgenden, die offenbar für eine begrenzte Zeit sich den Wegen Jesu angeschlossen haben und so etwas wie ein Nachfolge-Praktikum ablegen (Lukas 10,1-12). Es gibt etliche Frauen, die zum Kreis der Nachfolgenden gehören (Lk 8,1-3). Es ist nicht eindeutig, wie viele zu denen gehören, die Jesus nachfolgen. Die Grenzen sind fließend. Am Ende ist es nur dieser kleine Kreis „mitsamt den Frauen und Maria“, die später als Apostel die erste Kirchenleitung gebildet haben (Apg 1,13f.). Aber was ist mit denen, die zeitweise bei ihm waren, die zu Hause in ihren Familien gelebt haben, die Frauen die zu dem Kreis um Jesus gehörten, den Geheilten, den Zöllnern und Sündern, den Menschen, die ihn begeistert empfangen haben, als er in Jerusalem einzog, denen also, die an ihn glaubten und trotzdem in ihren bisherigen Bezügen blieben? Es gab um Jesus nicht nur die Zwölf, sondern eine Fülle von Menschen, die sich zu ihm bekannten. Der Blinde von Jericho folgte Jesus auf seinen Wegen, aber er gehörte nicht zu den Zwölfen (Mk 10,52). Dem von Dämonen Befreiten aus der Gegend von Gerasa erlaubte er das nicht, er schickte ihn nach Hause, damit er dort verkündete, welche Dinge Gott an ihm getan hat (Mk 5,18f). Entscheidend ist der Ruf in die Nachfolge. Das Neue Testament lässt keinen Zweifel: Die Nachfolge, die die Tür aus dem Gefängnis des Vertrauten, Selbstverständlichen, Angemessenen aufstößt, geht nur mit Berufung. Wer nicht berufen ist, wird’s nicht bringen.
Der Ruf in die Nachfolge, an wen er auch immer ergeht, macht uns bewusst: Wir leben in einer Welt, in der die Toten ihre Toten begraben. Manche brechen auf, nicht, weil sie es können oder müssen, sondern weil sie von Jesus, im Namen Gottes, selbst Gerufene sind. Sie sind es, die die Fenster aufmachen und in unsere tödlich getroffene Welt Licht und Luft hineinfluten lassen. Und wir sind es, die danach zu fragen haben: Wozu sind wir berufen? Welchen Auftrag richtet Gott uns? Für das Neue Testament steht völlig außer Frage: Wir haben unseren Auftrag, unsere Verantwortung, unseren Ort, an dem wir uns bewähren sollen. Aber nicht wir sind es, die darüber entscheiden (unsere Entscheidung besteht nur darin, dies festzustellen). Nicht wir sind es, sondern unsere Berufung, die von Gott ausgeht. Wir sind berufen. Und an Gott glauben, bedeutet auch, dass wir unserer Berufung folgen. Unserer eigenen, individuellen, besonderen Berufung.
gehalten von Pfarrer Stephan Sticherling in der Kirche Ketzberg am 15.03.20

Neue Jahreslosung für 2020

Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Markus 9,24

Auslegung der Jahreslosung 2020:

Angespannt sitze ich im Wartezimmer eines Arztes und hoffe auf ein gutes Ergebnis der anstehenden Untersuchung. Ich habe Angst, fühle mich hilflos. Viele Menschen aus meinem Bekanntenkreis mussten sich schon schweren Diagnosen stellen – warum sollte ich ausgenommen sein?

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Genau das spielt sich gerade in mir ab: „Ich glaube!“ – Ja, ich weiß mich in Gottes Hand. Ja, ER meint es gut mit mir. Ja, IHM ist nichts unmöglich!
Gleichzeitig rumoren in mir Gedanken wie: Kümmert Gott mein kleines Leben überhaupt? Warum bin ich nur so unruhig und besorgt? Wo bleibt mein Gottvertrauen? Wenn es darauf ankommt, verliere ich den Boden unter den Füßen. Dabei habe ich doch schon so oft Gottes Nähe und Hilfe erlebt …

So erging es bereits den Menschen, die mit Jesus unterwegs waren. Unglaubliches hatten sie mit ihm erlebt: Wie er lebensbedrohliche Wogen glättete, Stürme stillte, Tausende speiste und Kranke heilte. Doch oft machte sich schon bei der nächsten Herausforderung große Hilfslosigkeit breit, so dass Jesus sie fragte: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Markus 4, 40)

Genau das passiert wieder einmal. Ein Vater bringt seinen schwer kranken Sohn zu ihnen. Die Situation eskaliert, als sich auch noch Schriftgelehrte einmischen. Wie so oft gesellt sich zur Hilflosigkeit die Aggression. Einer fehlt. Jesus, der plötzlich dazu kommt und in die aufgebrachte Runde hinein fragt: „Was streitet ihr mit ihnen?“ Da platzt alles aus dem Vater heraus, die Angst um seinen Sohn, die Enttäuschung über die Ratlosigkeit der Jünger: „Und du selber warst nicht da – nur deine Jünger und die konnten uns nicht helfen!“ Jesus reagiert nahezu ungehalten: „O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!“ – und handelt. In Jesus Gegenwart bäumt sich noch einmal die lebensfeindliche widergöttliche Macht in dem Kranken auf. Der Vater setzt alles auf eine Karte und schreit verzweifelt: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Eine bewegende Szene. Ein grundehrlicher Mann, dieser Vater! So eine schlimme Krankheit kann eine komplette Glaubensexistenz erschüttern. Trotzdem mutet er sein Anliegen und seinen „Unglauben“ Jesus zu und fleht ihn um sofortige Hilfe an. Jesus schont ihn nicht und erwischt ihn an seiner Schwachstelle: „Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Da brüllt der Vater verzweifelt:

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Ein Hilfeschrei aus der Tiefe: „Ich glaube – wäre ich denn sonst zu dir gekommen? Ich kann es nicht ergründen, was das bedeutet, und was du von mir erwartest. Über letzte Konsequenzen dieses Versprechens bin ich mir nicht im Klaren. Und ich kann dir auch nicht beweisen, dass ich „richtig“ innig genug glaube …“ So folgt auf sein Versprechen die Bitte: „… hilf meinem Unglauben!“ Der Vater erkennt, dass nicht nur sein Sohn der Hilfe und der Heilung bedarf, sondern auch er selber, sein Glaube.

Ist die rote Figur in der Grafik der Künstlerin Stefanie Bahlinger dieser Vater, rot vor Anstrengung, seinen Sohn zu retten? Rot vom Weinen und Schreien um Hilfe? Sind die ausgebreiteten Arme eine Geste der Kapitulation? Immer wieder hat er versucht, die Hoffnung nicht aufzugeben. Jetzt kann er nicht mehr, hängt fest, hängt in der Luft. Damit steht er für alle Geschöpfe, die den Boden unter den Füßen verloren haben und sich nach Rettung sehnen. Für die Unsicheren, die nicht wissen, wem sie noch vertrauen oder an was sie noch glauben können. Für die vergeblich nach Orientierung Suchenden. Und auch für die, die sich ihres Glaubens gewiss sind und deren Glaube plötzlich durch eine Grenzerfahrung ins Wanken gerät.

Jesus kommt genau zum richtigen Zeitpunkt zu dem Vater und greift ein. Abruptes Ende einer aufregenden Geschichte.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Dieser Aufschrei des Vaters ist ein erster Schritt des Vertrauens. Wie wunderbar, dass Jesus das nicht zu wenig ist!

Gleichzeitig bringt der Vater auf den Punkt, was ein Leben in der Nachfolge Jesu ausmacht. Eine Spannung, die mich nicht zerreißen muss, weil Jesus sich ganz in meine Lage versetzt und sie mit mir aushält. So wird die rote Figur zu Christus, der mich mit ausgebreiteten Armen empfängt. Durch sein Leiden und Sterben zerreißt Jesus den Vorhang zum Allerheiligsten, fällt die Mauer, die uns Menschen von Gott trennt. Angedeutet durch die dunkelblauen Fasern am Rand des Ausschnitts. Große Energie strahlt von Jesus Christus aus. Er stellt sich in den Riss, macht den Weg frei. Er eröffnet einen weiten Raum, und schiebt kraftvoll Mauern der Angst und Sorge weg, die mir und meinem Glauben die Luft zum Atmen nehmen.

Jesus sieht und erträgt meine Unsicherheit, wenn mein Glaube angesichts schwieriger Herausforderungen versagt. So begegnet und antwortet Jesus auch seinen von sich selber enttäuschten Jüngern: „Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.“ (Markus 9, 29)
Intuitiv setzt der Vater die sprichwörtliche Einsicht: „Not lehrt beten“ um und ruft:

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Dieses Bekenntnis ist zugleich ein Hilfeschrei, in dem er nicht nur seinen Sohn, sondern sein ganzes Leben Jesus anvertraut. Es ist ein Gebet der Hingabe an Jesus, dem nichts unmöglich ist. So können die Zacken in der Grafik auch dafür stehen, dass er diesen Sprung des Glaubens wagt im Vertrauen darauf, dass Jesus ihn auffängt. – Wenn das kein Glaube ist! Ein Glaube, der seine Kraft aber nie aus sich selber bezieht. Der nur lebendig bleiben und wachsen kann, wenn er in Jesus verwurzelt ist.

Und doch gibt es immer wieder Zeiten, in denen ich Jesu Nähe, seine Kraft, sein konkretes Eingreifen vermisse. Zeiten, in denen mein Glaube wankt. Was hindert mich dann zu rufen:

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Und es gibt Zeiten, in denen mich Jesus herausfordert, über mich selbst und meine Möglichkeiten hinauszuwachsen. Kaum zu glauben, was er mir zu- und anvertraut! Kaum zu glauben, wie seine Möglichkeiten meine Grenzen sprengen! Daran können ihn weder Kleinglaube noch Unglaube hindern.


Motiv: Stefanie Bahlinger
Auslegungstext: Renate Karnstein
Verlag: www.verlagambirnbach.de