Gottesdienst und offene Kirche zum Gedenken an das Messerattentat

Am 23. August 2024 wurden drei Menschen durch das furchtbare Messerattentat beim Solinger Stadtfest ermordet und viele weitere an Leib und Seele verwundet. Am 1. Jahrestag sind öffentliche Gedenkfeiern geplant, zu denen die Stadt gemeinsam mit den Kirchen einlädt. Außerdem ist die Stadtkirche am Fronhof für Stille, Gebet und Gespräche geöffnet. Ein Gottesdienst am Sonntagmorgen wird an den Terrorakt erinnern.

Am Jahrestag selbst, am Samstag, 23. August 2025, wird es ab 13.00 Uhr eine öffentliche Gedenkfeier vor dem Hauptportal der Stadtkirche geben. Bei der von der Stadt Solingen und der Evangelischen Kirche organisierten Veranstaltung werden unter anderem Oberbürgermeister Tim Kurzbach und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst sprechen. Einen textlich-musikalisch-optischen Impuls gestalten Superintendentin Dr. Ilka Werner, die Designerin Ulrike Bruchhaus und die evangelische Kreiskantorin Stephanie Schlüter. Musikalische Beiträge kommen von den Bergischen Symphonikern. Im Anschluss lädt die Stadt Teilnehmende ein, am Rande des Fronhofs bei einem Imbiss ins Gespräch zu kommen. Weitere Mitglieder der NRW-Landesregierung sowie der Bundes- und die Landesopferbeauftragte haben ihre Teilnahme an der Gedenkfeier zugesagt.

Gedenken mit Kerzenlicht am Abend

Am Abend laden die Evangelische Kirche in Solingen und die Stadt zum Tatzeitpunkt um 21.37 Uhr zu einer kurzen Trauerfeier an der Gedenktafel ein. Beginn ist um 21.30 Uhr. Nach einleitenden Worten von Superintendentin Werner und der Vorsitzenden des Solinger Katholikenrats, Dr. Ulrike Spengler-Reffgen, können zum Gedenken an die Opfer Kerzen entzündet werden. Kerzen können mitgebracht werden, sind aber auch vor Ort erhältlich. Eine Schweigeminute und ein musikalischer Beitrag werden die Trauerfeier beschließen.

Offene Stadtkirche

Während der gesamten Zeit wird die Stadtkirche von 13 bis etwa 22.15 Uhr geöffnet sein. Dabei soll der Kirchraum für Stille und Gebet reserviert bleiben. Im Cafébereich sind Gespäche möglich. Wer die Gedanken und Gefühle zu dem schrecklichen Ereignis vor einem Jahr gerne mit jemand anderem teilen möchten, findet dort geschulte Ansprechpersonen von der Notfallseelsorge. Da an diesem ersten Jahrestag des Attentats mit bundesweiter Berichterstattung zu rechnen ist, wird für das gesamte Innere der Stadtkirche ein Fotografierverbot gelten. Menschen sollen ungestört trauern und gedenken können.

Gedenkgottesdienst am Sonntag

Am darauffolgenden Sonntag, 24. August 2025, laden ab 10 Uhr die Evangelischen Gemeinden der Region Mitte alle Solingerinnen und Solinger zu einem Gedenkgottesdienst ein. Die Gestaltung des Gottesdienstes übernehmen Superintendentin Dr. Ilka Werner, Stadtkirchenpfarrerin Friederike Höroldt sowie der Dorper Pfarrer Jo Römelt, der auch die Predigt halten wird.

Quelle: www.Klingenkirche.de

Sommerpredigtreihe Dietrich Bonhoeffer

Liebe Geschwister, wie politisch darf, kann oder muss die Kirche sein? Diese Frage nach der rechten Aufgabenverteilung zwischen Kirche und Staat war für Dietrich Bonhoeffer ein Lebensthema. Er wurde 1906 in eine Familie hineingeboren, die großbürgerlich und akademisch war und die wichtige Staatsdiener wie Kirchenmänner in ihrem Stammbaum hatte. Dietrich wuchs in der Nachbarschaft mit Professorenkindern und Kindern hoher preußischer Staatsdiener auf. Sein Vater war Mediziner und Universitätsprofessor in Berlin. Zu seinen Vorfahren gehörten staatliche Juristen und staatlich-kirchliche Theologen. Bis zum ersten Weltkrieg war das Landeskirchenamt in Berlin eine preußische Regierungsbehörde. Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche galt bei der damals in Berlin dominierenden lutherischen Theologie anders als heute nicht als Gegenüber. Kirche und Staat galten als zwei sich ergänzende Instanzen, durch die Gott die Gesellschaft ordnete. Ein Grundpfeiler dieser Theologie war der Römerbrief des Apostel Paulus. Im 13. Kapitel heißt es dort: „Es gibt keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung.“ Staat und Kirche waren für die lutherische Theologie zwei Seiten der einen Medaille Obrigkeit: Für Zucht und Ordnung sorgte auf der einen Seite der Staat durch Justiz, Militär und Polizei, auf der anderen Seite die Kirche durch die Predigt von Sitte und Moral. Und indem sie darauf verwies, dass staatliches Handeln vorläufig notwendig ist, weil die Welt eben noch nicht das Paradies ist.

Für Dietrich Bonhoeffer war diese Rollenverteilung selbstverständlich, als er sich früh entschloss, Theologie zu studieren. Er war hoch intelligent und fleißig: Mit erst 21 Jahren schloss er das Studium ab: nicht nur mit dem Ersten Theologischen Examen, sondern auch mit seiner Promotion zum Doktor der Theologie. Für ihn gab es jetzt zwei Möglichkeiten: Er konnte entweder an der staatlichen Uni bleiben und wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater eine Karriere als Universitätsprofessor anstreben. Oder er konnte sich von der Kirche praktisch zum Pfarrer ausbilden lassen. Dietrich Bonhoeffer entschied sich für – beides: Vikar und wissenschaftlicher Theologe. 1930 machte er dann wieder zwei Abschlüsse: Bei seiner Kirche legte er die Zweite Theologische Prüfung als Voraussetzung fürs Pfarramt ab. Und an der Universität seine Habilitation, also eine große wissenschaftliche Arbeit als Voraussetzung für eine Laufbahn in Lehre und Wissenschaft.

Bonhoeffer hatte es mit 24 schon sehr weit gebracht. Aber fürs Pfarramt musste er mindestens 25 sein. Also entschied er sich für ein Studiensemester an der Theologischen Fakultät in New York. Eher als Notlösung gedacht wurde dieses Jahr für Bonhoeffer prägend. In New York kam er raus aus der gelegentlichen Selbstgenügsamkeit deutscher akademischer Theologie und in Kontakt mit Vertretern der noch jungen weltweiten ökumenischen protestantischen Bewegung. Er lernte dort theologische Überlegungen kennen, die auf der Grundlage der Bibel nicht staatstragend waren, so wie er es aus Berlin kannte, sondern sozialkritisch. Er lernte christlichen Pazifismus kennen. Für ihn als deutschen von der lutherischen Theologie geprägten Theologen war das etwas Neues.

Im ersten Weltkrieg hatten Pfarrer die deutschen Waffen gesegnet. Und als junger Theologiestudent in Tübingen hatte Bonhoeffer selber noch an einer Art Wehrsportübung teilgenommen, wenn er auch mit rechtsnationalen Gedanken wenig anfangen konnte.

Noch als Vikar hatte er in einem Vortrag den Pazifismus abgelehnt und stattdessen den Kriegsdienst theologisch begründet: „Ich werde die Waffe erheben in der furchtbaren Erkenntnis, etwas Entsetzliches zu tun (…), aber die Liebe zu meinem Volk wird den Mord, wird den Krieg heiligen.“ (Bonhoeffer-Auswahl 1, 46). In New York begann Dietrich Bonhoeffer die Grundsätze lutherischer Theologie zum Verhältnis zwischen Kirche und Staat, wie er sie aus Deutschland kennengelernt hatte, infrage zu stellen. Stattdessen sympathisierte er dort erstmals mit pazifistischen Gedanken und träumte sogar davon, nach Indien zu reisen, um dort Gandhi kennenzulernen.

Stattdessen kehrte der 25-Jährige 1931 wieder nach Berlin zurück: Er trat eine Stelle als Dozent an der Berliner Theologischen Fakultät an, arbeitete gleichzeitig als Studentenpfarrer und übernahm auch noch Predigtdienst und Konfirmandenunterricht in einer Berliner Arbeitergemeinde. Als wäre das noch nicht genug, hatte er sich außerdem in ein wichtiges Ehrenamt der weltweiten ökumenischen Bewegung wählen lassen. Hier pflegte er die internationalen Kontakte, die sein weiteres Leben immer stärker prägen würden.

Zuhause an der Berliner Universität erregten seine Vorlesungen Aufmerksamkeit. Nicht nur weil er im Hörsaal die Studenten mit Gebeten überraschte. Sondern vor allem weil Bonhoeffer pazifistische Positionen vertrat, während ein immer größer werdender Teil der evangelischen Theologiestudierenden mit den Nationalsozialisten sympathisierte. In einem Vortrag von 1932 vertrat der akademische Lehrer nun eine ganz andere Auffassung als noch vier Jahre zuvor der Vikar. Er widersprach vehement der inneren Aufrüstung, die im Deutschen Reich längst wieder auf dem Vormarsch war, und verlangte auch von der Kirche klaren Widerspruch: „Der heutige Krieg vernichtet Seele und Leib (…) darum muss der heutige Krieg, also der nächste Krieg, der Ächtung durch die Kirche verfallen.“ (Bonhoeffer-Auswahl 1, 140).

Am 30. Januar 1933 kommt Hitler an die Macht. Die staatliche Obrigkeit, das sind nun die Nazis. Die im März 1933 erlassene Notverordnung des Reichspräsidenten sowie das Ermächtigungsgesetz heben viele Grundrechte der Weimarer Verfassung auf. Der Nazi-Terror gegen politisch andersdenkende und gegen jüdische Menschen hat nun eine rechtliche Basis. Der Großteil der lutherisch geprägten Kirche hat damit allerdings kein Problem. In einer Predigt verleiht der Berliner Generalsuperintendent Otto Dibelius dem Nazi-Terror sogar eine theologische Rechtfertigung: „Wenn es um Leben oder Sterben der Nation geht, dann muss die staatliche Macht durchgreifend und kraftvoll eingesetzt werden (…) Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet.“

Dietrich Bonhoeffer hingegen denkt angesichts dieses staatlichen Terrors und der staatlichen Unrechtspolitik gegen alle Menschen, die er als „jüdisch“ bezeichnet, darüber nach, welche Aufgaben die Kirche in einem Unrechtsstaat haben kann. In einem später veröffentlichten Vortrag vor Berliner Pfarrern argumentiert er strikt theologisch und benennt drei Handlungsmöglichkeiten für die Kirche:
Erstens habe die Kirche die Pflicht, den Staat kritisch nach der Rechtmäßigkeit seines Handelns zu fragen. Zweitens müsse die Kirche sich um alle Opfer staatlichen Unrechts kümmern, nicht nur ihre um Mitglieder der Kirche. Und wenn die Kirche erkennt, dass der Staat seiner grundlegenden Aufgabe, Recht und Ordnung für alle zu schaffen, nicht mehr nachkommt oder nachkommen will, dann müsse die Kirche schließlich drittens unmittelbar politisch handeln. Also: widersprechen oder sogar widerstehen. In dieser Situation dürfe sich die Kirche um des Schutzes der Opfer willen nicht mehr aus der Politik heraushalten.

Kirche im Widerstand gegen den Staat? Für die allermeisten Theologen klang das unerhört. Selbst in der 1933 und 34 sich gründenden Bekennenden Kirche wollen viele sich nur gegen staatliche Angriffe auf die kirchliche Unabhängigkeit wehren. Nicht aber weil man dem NS-Regime angesichts der unzähligen Menschen, die es aus rassistischen oder politischen Gründen zu Opfer einer Terrorherrschaft macht, entgegentreten wollte. Bonhoeffer sieht sich in seiner Kirche isoliert. Er zieht sich zurück und tritt eine Pfarrstelle in der deutschen Auslandsgemeinde in London an.

Doch Bonhoeffer schöpft noch einmal Hoffnung, dass die Bekennende Kirche sich entschließt, für ihre Vikare eine eigene Ausbildung ohne staatliche Aufsicht zu gründen, um sich nicht mit dem Terrorstaat zu arrangieren. Um so eine Ausbildungsstätte für angehende Pfarrer zu leiten, kehrt der 29-Jährige 1935 aus London zurück. Es gibt Morgen- und Abendandachten, Meditationszeiten, viel theologische Arbeit und zahlreiche Gespräche darüber, was es bedeuten kann, als Pfarrer in einer Kirche zu arbeiten, die nicht staatlichen Regeln, sondern Christus folgt. Bonhoeffers Antwort lautet: Nachfolge bedeutet, kompromisslos nach der Bergpredigt zu leben.

Für Bonhoeffer bedeutet das auch, dass die Kirche dem staatlichen Antisemitismus wider-sprechen und sich für dessen Opfer einzusetzen hätte. Doch diese Haltung teilen selbst in der Bekennenden Kirche längst nicht alle. Der größte Teil der Evangelischen Kirche war sowieso staatstreu oder ganz nationalsozialistisch gesinnt. Der staatliche Druck auf alle Opposition steigt auch in der Evangelischen Kirche. Käme er nicht aus einer gutvernetzten großbürger-lichen Familie, hätte ihn die Gestapo vielleicht schon längst geholt. Da kommt 1939 das Angebot, einen theologischen Lehrauftrag in New York wahrzunehmen. Bonhoeffer reist über den Atlantik. Vielleicht ein Ausweg? Freunde in den USA beschwören ihn, dort in Sicherheit vor den Nazis zu bleiben. Aber es quält sein Gewissen, im Ausland in Sicherheit zu sein, während in Deutschland seine ehemaligen Vikare staatlichem Druck ausgesetzt sind. Er hat das Gefühl, dass Christus ihn in der Heimat braucht. Und reist nach nur einem Monat wieder ab.

Zurück in Deutschland wird Dietrich Bonhoeffer zu einer Art Doppelagent. Über familiäre Beziehungen lässt er sich als Mitarbeiter des Spionagedienstes der Deutschen Wehrmacht anstellen und übernimmt Kurierdienste in ganz Europa. Öffentlich bleibt er Teil der Bekennenden Kirche und der Ökumenischen Bewegung. Letztlich aber hat er sich im Untergrund der Verschwörergruppe angeschlossen, die an einem neuen Deutschland arbeitet und am 20. Juli 1944 das fehlschlagende Attentat auf Adolf Hitler unternehmen wird. Für Bonhoeffer stellt sich nicht mehr die Frage, wie er möglichst unschuldig bleiben kann. Für ihn stellt sich nur noch die persönliche Frage, was größer ist: die Schuld des untätigen Mitansehens oder die Schuld der Mitwirkung an einem Mordkomplott gegen den Tyrannen. Bonhoeffer hat sich entschieden und ist nun Teil des militanten Widerstands gegen Hitler. Die Hoffnung, die Evangelische Kirche zum wirksamen Widerstand gegen das NS-Regime bewegen zu können, hat er aufgegeben.

Fast vier Jahre geht das so. Dann klingelt im April 1943 die Gestapo. Aber von der Verschwörung, an der Bonhoeffer beteiligt ist, wissen sie noch gar nichts. Es geht um ein paar minder schwere Vorwürfe, aber richtig Verwertbares hat die Gestapo gegen Bonhoeffer zu dem Zeitpunkt gar nicht in der Hand. Als die brutalen Verhöre der ersten Tage nichts Verwertbares ergeben, werden seine Haftbedingungen wieder gelockert: Er kann im Tegeler Gefängnis bald regelmäßig Besuch empfangen, Briefe austauschen, sich mit Literatur versorgen lassen. Und er hofft, dass die anderen Verschwörer draußen ihre Arbeit endlich vollenden und das Nazi-Regime beseitigen können. Von seiner Kirche dagegen erwartet er gar nichts mehr. Im Mai 1944 schreibt er an einen Freund: „Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein (…) Unser Christsein wird heute nur in Zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten.“ (WuE, S. 328)

Am 20. Juli 1944 scheitert das Attentat auf Hitler. Viele Verschwörer werden hingerichtet. Einige Wochen später findet die Gestapo Unterlagen, die Bonhoeffers Verstrickung in die Verschwörung zeigen. Er kommt in den berüchtigten Keller des Reichssicherheitshauptamtes. Die Haftbedingungen sind dort viel schärfer. Nur noch zwei Briefe erreichen danach die Familie. In einem schickt er seinen Silvestergruß mit den berühmten Worten „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Im Frühjahr 1945 werden Bonhoeffer und Mitgefangene nach Süden verlegt. Am 5. April befiehlt Hitler, die letzten Mitglieder der Verschwörergruppe umzubringen. Dazu gehört auch Bonhoeffer. Am 8. April hält er auf Wunsch seiner Mitgefangenen noch einmal eine Andacht. Am frühen Morgen des 9. April wird Dietrich Bonhoeffer einen Monat vor Kriegsende im bayerischen KZ Flossenbürg erhängt. Er wird nur 39 Jahre alt.

Wie politisch darf, kann oder muss also die Kirche sein? Die Antwort Bonhoeffers: Eine Kirche hat sich nicht um ihre Privilegien oder ihre eigenen Rechte zu kümmern. Sie hat sich auch nicht aus der Politik herauszuhalten. Sondern sie muss den Staat um Christi willen danach fragen, ob er überhaupt seine Daseinsberechtigung erfüllt: nämlich allen ein sicheres, menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Ich finde, das muss auch heute der Maßstab sein, wenn sich Kirche zu Wort meldet. Kirche darf sich nur dann als Kirche Jesu Christi verstehen, wenn sie im Sinne Jesu für die geringsten Brüder und Schwestern eintritt und sich lautstark auch für deren Würde einsetzt. In diesem Sinne muss sie auch heute manchmal politisch sein.

Bonhoeffer lehrt uns aber auch, dass Kirche nie parteipolitisch werden darf. Darum darf sie ihre Äußerungen und Einmischungen nicht von irgendwelchen parteipolitischen Programmen oder Konzepten ableiten, sondern allein von dem, was sie nach gründlicher theologischer Arbeit in Christi Namen sagen zu müssen glaubt. Und sie muss klar erkennbar machen, dass sie nichts anderes tut. Manchmal macht das Politik in der Kirche nötig. Manchmal unmöglich.

Und Dietrich Bonhoeffer zeigt uns schließlich, dass es nicht nur um die Frage geht, wie politisch die Kirche sein darf, sondern auch um die Frage, wie politisch ich als einzelner Christenmensch vielleicht werden muss. Wie politisch oder unpolitisch die Kirche spricht oder handelt, befreit mich nicht aus der Verantwortung zu entscheiden, wo ich um Christi willen selbst politisch handeln muss. Diese Entscheidung kann ziemlich schwer sein. Dazu kann ich das Gespräch mit Gott suchen. Und wenn mich dieses Gespräch dann zu einem Ergebnis führt, muss ich ggf. handeln. Einfach raushalten, womöglich nur darüber schwadronieren, was andere, die Politik oder die Kirche, besser tun sollten, ist keine Option. Nicht nur für die Kirche insgesamt, sondern auch für uns Christenmenschen als Einzelne geht es in der Politik immer um zweierlei: ums Beten und ums Tun des Gerechten. Amen.

gehalten von Pfarrer Thomas Förster am 10.08.2025 in der Gräfrather Kirche

Fotos: www. gemeindebrief.de

Sommerpredigtreihe Huldrych Zwingli

Gnade sei mit uns und Friede, von Gott, unserem Vater, und von unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde! Die Kirchen in der Schweiz feierten erst 2019 ihr 500-jähriges Reformationsjubiläum. Denn in jenem Jahr wurde ihr Reformator Ulrich Zwingli, der am 1. Januar 1484 in Wildhaus in der Grafschaft Toggenburg in der Fürstabtei St. Gallen geboren wurde und damit nur wenige Wochen jünger als Martin Luther war, zum Pfarrer des einflussreichen Großmünsterstiftes nach Zürich berufen, wo er bis zu seinem Tod gewirkt hatte. Er wurde am 11. 10. 1531 als Feldprediger in der Schlacht bei Kappel am Albis, südwestlich von Zürich, gegen die katholischen Kantone von einem Gegner erschlagen, als er gerade seelsorgerlich mit einem Sterbenden betete.

Der Trailer zu einem Zwingli-Film charakterisiert eindrucksvoll die Umstände vor 500 Jahren: „Es war eine düstere Zeit, geprägt von religiösem Fanatismus und Gewalt.“ Zwingli und andere Reformer fühlten sich gerade von dem Satz Jesu aus Johannes 8, Vers 31 + 32 angesprochen: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen.“

Was war für den Züricher Reformator die Wahrheit? Die Wahrheit ergab sich allein aus Gottes Wort, das er, wie übrigens auch Luther, jetzt in deutscher Sprache seiner Züricher Gemeinde verkündigen wollte. Zugleich war er der Auffassung, dass sich von nun an niemand mehr zwischen Gott und uns Menschen stellen dürfe. Diese Auffassung hielt die hierarchisch geprägte katholische Kirche für ketzerisch, denn sie war doch in jener Zeit die alleinige Institution, die das Heil der Gläubigen verwaltete und die durch ihren Papst und durch ihre Priester, aber auch durch die vielen Heiligen die wichtige Funktion eines Brückenbauers zwischen Mensch und Gott innehatte. Nicht umsonst führt der Papst auch heute noch den aus der heidnisch-römischen Religion stammenden Titel „pontifex maximus“, oberster Brückenbauer.

Wie alle reformatorischen Bewegungen wollte auch die Erneuerung Zwinglis das Evangelium, die Heilige Schrift, die im katholischen Mittelalter nur eine untergeordnete Rolle spielte, zu neuem Leben erwecken und die Bibel gewissermaßen zur Magna Charta des Glaubens machen, so wie es der englische Theologe John Wiclif schon im 14. Jahrhundert formuliert hatte.

Zwingli propagierte auch die Freiheit eines jeden Menschen, und hieraus wird sichtbar, dass die Reformation eine Emanzipationsbewegung war, die jedem Menschen die religiöse Befreiung von der mittelalterlichen Kirche ermöglichen wollte und somit für einen freien und unmittelbaren Zugang des Gläubigen zu Gott eintrat.

Wie ist es zu diesen für die damalige Zeit revolutionären Ideen gekommen? Es war die Zeit des Humanismus , der sich auf die klassische Antike mit ihrer Humanitas und ihrem Ideal eines freien und selbstbestimmten Menschen bezog, wie man sie zum Beispiel bei Cicero vorfinden konnte. Die Gebildeten hatte die ständige Bevormundung durch die katholische Kirche satt, vor allem ihre unbarmherzige und lebensbedrohende Inquisition in Bezug auf alle abweichenden Glaubenslehren. Deshalb kehrten die Humanisten zu den Quellen „ad fontes“ zurück, zu den Originaltexten, und dazu gehörte auch die Bibel, die man jetzt selber in den Ursprachen Hebräisch und Griechisch lesen wollte. Die katholische Kirche sollte von nun an nicht mehr allein die unfehlbare Auslegerin der Heiligen Schrift sein, zumal sich ihre Päpste und Priester zum allergrößten Teil selber nicht an die biblischen Vorgaben hielten und zudem meist theologisch sehr schlecht ausgebildet waren.

Ulrich Zwingli hatte seit 1502 in Basel studiert und zu Beginn des Jahres 1506 seine Ausbildung mit dem Titel „Magister Artium“ abgeschlossen. Er hatte damit eine gängige spätmittelalterliche Gelehrtenausbildung erhalten, die in erster Linie darauf ausgerichtet war, die lateinische Sprache und die üblichen philosophischen Fundamentalbegriffe zu vermitteln. Wie viele seiner Zeitgenossen wechselte Zwingli bald nach dem Magisterexamen ohne gründliches Theologiestudium in die kirchliche Praxis und wurde dann im September 1506 in Konstanz zum Priester geweiht.

Schon in seiner ersten Pfarrstelle in Glarus, die er für 10 Jahre innehatte, und auch als Priester in dem bekannten Wallfahrtsort Maria Einsiedeln, wo er von 1516–1518 vor allem die Einwohner des Tales und auch die Pilger seelsorgerlich betreuen sollte, hatte sich Zwingli intensiv mit den Schriften des sehr berühmten Humanistenfürsten Erasmus von Rotterdam auseinander gesetzt, der von 1466 bis 1536 lebte, und auch das Griechische erlernt. Erasmus hatte 1516 eine kritische Edition des griechischen Neuen Testaments veröffentlicht und war mit dieser Leistung zum führenden Humanisten seiner Zeit geworden.

Im gleichen Jahr 1516 war Zwingli dem Erasmus, der in Basel wirkte, persönlich begegnet, und dieser Humanist hatte einen überwältigenden Eindruck auf ihn gemacht, sodass er ihn mit der zutreffenden Aussage würdigte, dass keiner sich um die Heilige Schrift so verdient gemacht habe wie er. Erasmus hatte Zwingli einen neuen, befreienden Zugang zur Schrift gelehrt und ihn auf das Zentrum der Bibel, auf die Verkündigung Christi, hingewiesen.  Das Reformchristentum des Erasmus, der trotz seiner starken Kritik an der dekadenten Kirche katholisch blieb, propagierte besonders die christliche Predigt und verwahrte sich gegen ein Frömmigkeitswesen, das von kirchlichen Gesetzen und Geboten überfrachtet war und nur aus der ständigen Angst heraus praktiziert wurde, um nicht nach dem Tode wegen fehlender guter Werke unerlöst im Fegefeuer gepeinigt zu werden. Zwingli dachte zunächst ganz im Sinne des Erasmus nicht daran, das herrschende Kirchentum gewaltsam umzustürzen, sondern er wollte seine Gemeinde durch sein humanistisches Christentum sittlich verbessern und nach und nach eine geläuterte Frömmigkeit herstellen. Genauso wie Luther sah Zwingli in der Bibel die höchste Autorität. Sie ist die von Gott selbst inspirierte, irrtumslose Urkunde und als solche das Gottesgesetz, das alles Leben normieren will.

Dieser Gedanke, dass allein die Bibel die Magna Charta des Glaubens sei und über den Äußerungen des Papstes stehe, wurde schon, wie erwähnt, von dem englischen Vorreformator John Wiclif im 14. Jahrhundert vertreten, und dieses Bibel-zentrierte Denken bezahlte der böhmische Vorreformator Jan Hus auf dem Konzil zu Konstanz 1415 sogar mit seinem Leben, als er wegen seiner konsequenten biblischen Lehren als Ketzer verbrannt wurde.

Mit seinen reformkatholischen Ansichten im Sinne des Erasmus stellte Zwingli in Zürich die Predigt in den Mittelpunkt des Gottesdienstes und kritisierte die übermäßige Heiligenverehrung und prangerte das hoffärtige und wollüstige Leben der Mönche an.

Zwingli wurde auf Luther aufmerksam, als dieser auf der Leipziger Disputation im Sommer 1519 öffentlich die Irrtumslosigkeit der Konzilien bestritt und die heilsnotwendige Autorität des Papsttums leugnete. Allein die Schrift (sola scriptura) sei maßgebend, und der Papst könne und dürfe nicht der unfehlbare Ausleger dieser Schrift sein. Damit lehnte Luther kategorisch den Primat des Papstes und dessen normative Schriftauslegung ab.

Am 9. März 1522 versammelten sich am 1. Fastensonntag ungefähr ein Dutzend Leute im Hause des Züricher Buchdruckers Christoph Froschauer, und diese aßen zwei geräucherte Würste. Wenngleich Zwingli als einziger der Anwesenden nicht mitaß, um als Seelsorger eine gewisse Neutralität zu bewahren, so verfasste er im Frühjahr 1522 seine erste reformatorische Schrift: „Von Erkiesen und Freiheit der Speisen“ und machte mit Bezug auf das Neue Testament der erregten Züricher Bürgerschaft deutlich, dass es dem einzelnen freigestellt sei, in der Vorosterzeit zu fasten oder nicht. Eine Zeitschrift verglich vor kurzem die beiden reformatorischen Anlässe bei Luther und Zwingli mit der süffisanten Überschrift: „Statt Hammerschläge ein Mettwurstessen.“

Diese Fastenprovokation zog eine Untersuchung durch den Bischof von Konstanz nach sich, zu dessen Diözese auch Zürich gehörte, doch der Rat stellte sich hinter Zwingli und damit bröckelte die bischöfliche Autorität. In seiner supplicatio, einer Bittschrift an den Konstanzer Bischof Hugo, verlangte Zwingli im Sommer 1522 die Aufhebung des Zölibats und die freie Predigt des Evangeliums. Diese Eingabe erschien 2 Wochen später anonym in deutscher Sprache und appellierte auch an die politischen Instanzen, die Priesterehe zu erlauben und den Priesterfrauen und Kindern den üblichen rechtlichen Schutz zu gewähren. Die Frage der Priesterehe war mittlerweile für Zwingli selbst kein theoretisches Problem mehr, da er seit Anfang 1522 mit der gleichaltrigen Witwe Anna Reinhart in heimlicher Ehe lebte, die 1538 starb. Die öffentliche Trauung fand erst am 2. April 1524 statt und aus dieser Ehe stammten 4 Kinder.

Der Konstanzer Bischof Hugo forderte die Züricher Obrigkeit zur Einhaltung der kirchlichen Ordnung und zum Schutz der Kirche auf und bezichtigte den Reformator des Aufruhrs, der Kirchenspaltung und der Ketzerei.

Zwingli bestritt in seiner Antwort der kirchlichen Hierarchie wegen ihres verdorbenen Zustandes das Recht, in Bezug auf die Verkündigung des Evangeliums oder die kirchliche Ordnung überhaupt zu urteilen. Er meinte, das Volk könne keineswegs verführt werden, wenn es ihm darum gehe, die evangelische Lehre vorzulegen. Diese Predigt könne weder kirchenspaltend noch ketzerisch sein, da sie Christus verkündige, der das alleinige Fundament der Kirche sei. Zwingli meinte, der Bischof stehe auf der Seite der Menschenworte, die Reformgesinnten ständen auf der Seite Christi. Auf diesen schonungslosen Angriff reagierte Erasmus mit Entsetzen, und die klare und strikte Absage an die kirchliche Hierarchie wurde dann zum generellen Unterscheidungsmerkmal zwischen dem gemäßigten humanistischen Reformstreben und der eher revolutionären reformatorischen Erneuerung.

Zwingli drängte den unschlüssigen Rat zur 1. Züricher Disputation am 29. 1. 1523, wozu auch der Bischof aus Konstanz eingeladen war. Diese Disputation, für die Zwingli seine 67 Schlussreden verfasste, die als seine bedeutendste reformatorische Schrift gilt, blieb zwar ohne eigentliches Ergebnis, da der Führer der Gegner, der Konstanzer Generalvikar Johann Faber (26), der Versammlung das Recht bestritt, über die diskutierten Fragen zu entscheiden. Daher hörten die Leute des Bischofs nur zu und sollten sich nicht an der Diskussion beteiligen, sondern nur gegen diese in ihren Augen unrechtmäßige Versammlung protestieren. Aber der Rat entschied letztendlich, dass fortan alle Prediger das Evangelium zu verkündigen hätten. Somit kann man bei dieser Disputation auch von der Gründungsversammlung der evangelischen Kirche von Zürich sprechen.

In diesen Schlussreden, die Kernsätze aus Zwinglis Predigten beinhalten, machte der Reformator deutlich, dass das Evangelium die Grundlage des Glauben sei, und die Summe des Evangeliums sah er in Jesus Christus, der die Gläubigen mit seinem unschuldigen Leiden vom Tod erlöst hat. So vertrat Zwingli genau wie Luther das Prinzip des solus Christus und der sola scriptura, dass also allein Jesus Christus und allein die Bibel für den Glauben normativ seien. Mit dieser Definition lehnte Zwingli klar das kirchliche Lehramt und die unbiblischen kirchlichen Gebräuche ab und meinte: „Gott will, dass man allein auf Christus, das Haupt, hört, denn im Glauben an ihn besteht unser Heil. So lernt man, dass Lehren und Satzungen der Menschen zur Seligkeit nichts nützen.“ 

Auch in Zürich gab es im Herbst 1523 einen Bildersturm, doch Zwingli verlangte in seiner 2. Züricher Disputation vom 26. bis 28. 10. eine Beseitigung der unnützen Heiligenbilder auf geordnetem Wege durch die Obrigkeit.

Auch forderte der Reformator eine Neuordnung des Gottesdienstes mit der Beseitigung des unbiblischen Messopfers, da in ihm Christus noch einmal neu in unblutiger Weise durch die Hand der Priester für Gott geopfert werde, obwohl doch die Bibel in Johannes 3, Vers 16 genau das Gegenteil erklärt, dass nämlich Gott aus Liebe zur Welt seinen Sohn geopfert hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Zwischen 1523 und 1525 wurde die Kirche in Zürich durch eine Kommission aus Pfarrern und Mitgliedern des Rates Schritt für Schritt weiter reformiert, und diese Reform bedeutete einen radikalen Bruch mit dem katholischen Kultus und der katholischen Verfassung. Nichts wurde beibehalten, was sich nicht aus der Heiligen Schrift begründen ließ.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den für Zwingli und die Reformation entscheidenden Satz zurückkommen: „Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen.“ Was haben Zwingli und Luther in jener Zeit des Umbruchs für Wahrheit gehalten?

Ihre Leistung liegt vor allem darin, dass sie die Wahrheit des Wortes Gottes wieder entdeckt und somit die einzigartige Bedeutung des Evangeliums erkannt haben, aus dem hervorgeht, dass allein Jesus Christus das Haupt der wahren Kirche ist. Mit der Wahrheit war auch die Freiheit verbunden, und somit wurde die Reformation eine Emanzipationsbewegung von den Fesseln der mittelalterlich katholischen Kirche, die nicht nur die Welt, sondern auch die Unterwelt regieren wollte.

Leider haben auch die Reformatoren meist nur ihre eigenen Positionen als wahr angesehen und nicht zugelassen, dass andere religiöse Gruppen sich frei entfalten konnten, wie z. B. die Täufer, die gerade von der Züricher Reformation grausam verfolgt wurden. So wurde Felix Manz, der Führer der Täuferbewegung, 1527 in der Limmat ertränkt, weil er die Kindertaufe für unbiblisch hielt

Ich schließe mit einem Satz von Sebastian Castellio, der zunächst den Genfer Theologen Johannes Calvin geschätzt hatte. Als dieser jedoch den Spanier Michael Servet, der nicht an die göttliche Dreieinigkeit glauben wollte, in Genf als Ketzer verbrennen ließ, schrieb er 1554 gegen Calvin: „Einen Menschen töten, heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“ Castellio vertrat die Auffassung, dass man einen Ketzer nur durch verbale Argumente und nicht mit der Todesstrafe überwinden dürfe: Die Kirche könne gegen abweichende Meinungen nur die von Paulus gemeinten geistlichen Waffen einsetzen.“ Wollen wir Gott danken, dass wir heute zwar in unterschiedlichen, aber doch versöhnten christlichen Konfessionen gemeinsam unseren christlichen Glauben bekennen und leben dürfen. Amen

gehalten am 03.08.2025 von Prädikant Dr. Holger Ueberholz in der Gräfrather Kirche

Bilder: www.gemeindebrief.de

Sommerpredigtreihe Gerhard Tersteegen

Gerhard Tersteegen trägt einen aus den Niederlanden stammenden Namen Gerrit ter Steegen, wie der Torhüter der deutschen Fußballnationalmannschaft. Gerhard Tersteegen wurde 1697 geboren im niederrheinischen Moers als Sohn eines reformierten Kaufmanns. Moers gehörte damals zum Oranischen Reich.

Er  besuchte ab 1703, also mit 6 Jahren die Lateinschule Adolfinum und lernte Hebräisch, Griechisch, Latein. Der Vater starb im selben Jahr. Die Mutter konnte Gerhard nach der Schule kein Theologiestudium bezahlen, also machte Tersteegen bei einem Verwandten in Mülheim an der Ruhr eine Lehre zum Kaufmann, mit 15. Zwei Jahre war Tersteegen als Kaufmann tätig- dann zog er sich in die Stille zurück. Er hatte eine Erweckung erlebt. Er war in einen christlichen Kreis aufgenommen worden. Er war reformiert geprägt, Glaube und Bibel waren ihm wichtig, die Vorstellung, Eigentum Gottes zu sein. Zugleich war er pietistisch geprägt, betonte den persönlichen Glauben nach einem willentlichen Entschluss, eine Liebe zu Jesus und den Glaube an die Erlösung durch Jesus am Kreuz.  Tersteegen machte es schriftlich: In einem Blutbrief dokumentierte er seine persönliche Bekehrung. Statt Tinte benutzte er sein eigenes Blut.

„Blut ist ein besonderer Saft“ – Anders als später in Goethes Faust schrieb er mit seinem Blut keinen Pakt mit dem Teufel, sondern verschrieb sich Jesus. Dieser Blutbrief entstand am Gründonnerstag 1724, da war er  26 Jahren alt: 
„Meinem Jesu! Ich verschreibe mich Dir, meinem einigen Heÿlande und Bräutigam Christo Jesu, zu Deinem völligen und ewigen Eigenthum. Ich will Dein seyn, und bleiben, so lang ich lebe, und auch nach meinem Tod. Du sollst mein Herr und Haupt seyn, und ich Dein unwürdigstes Glied. Nichts soll mir mehr werth seyn, als Deine Ehre und Dein Wohlgefallen. Ich will Dir gehorsam seyn, und Deinem Willen nachleben, so gut ich kann. Ich will Dein seyn, und bleiben, in Zeit und Ewigkeit. Amen.“

Eine Selbstverpflichtung, stürmisch und radikal. Und durchzogen von biblischen Motiven: Haupt und Glied, Gehorsam und Willen, Herr und Haupt, Leben und Tod. Mit einer Formulierung aus dem Heidelberger Katechismus verschrieb er sich zum Eigentum Christi: ich will dein sein.

Tersteegen als Mystiker

Reformierter, radikaler Pietist mit einer Distanz zu Kirche und Welt – so kann man ihn beschreiben. Das Leben stellte er sich so vor, dass man durch Bekehrung zu Jesus einen Weg geht, der wie eine Pilgerreise durchs Leben ist. Das Ziel ist die Ewigkeit nach dem eigenen Tod. Bis dahin hält man sich von weltlichen Dingen fern, sie sind Ballast. Man lebt bescheiden und still, betet viel und tut dem Nächsten Gutes. Bei allem konzentriert man sich auf Jesus. In der Gemeinschaft Gleichgesinnter geht das besser. Man lernt voneinander, auch von Beispielen christlicher Menschen, wobei deren Konfession nicht so wichtig ist. Wichtig ist, dass sie innerlich ganz bei Jesus sind. Das ist Mystik , eine innerliche Verbindung zu Gott, bei der die Grenzen fließen: „Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden“ (Gott ist gegenwärtig, EG 165,5). Man selbst wird unwichtig, die Vereinigung mit Gott ist der größte Genuss.

Tersteegen verdiente seinen Lebensunterhalt als Leineweber, später Bandwirker – in vorindustrieller Zeit ein Handwerk, das sich gut zu Hause erledigen ließ: mit einem Webrahmen Bänder flechten. Arbeiten, Gebetszeiten und Zeiten des Studiums sowie des Schreibens wechselten sich ab.

Er lebte ehelos und über 44 Jahre mit seinem Freund und Glaubensbruder Heinrich Sommer, ebenfalls Bandwirker in einem Haus  auf dem Mülheimer Kirchenhügel, das im Krieg nicht zerstört wurde und heute Heimatmuseum ist. Die nahe Petrikirche besuchte er nicht, dafür die wöchentlichen Erbauungsstunden eines von der reformierten Kirche abgewiesenen Kandidaten der Theologie, Wilhelm Hoffmann. Tersteegen übernahm Aufgaben und nach dem Tod des Leiters die Leitung. Tersteegen wirkte als Autor religiöser Schriften, Laienprediger und Lieddichter, als Übersetzer und Vermittler von spanischer, französischer und niederländischer Mystik.

Tersteegen als Dichter und Seelenführer

Die Liedersammlung „Geistliches Blumengärtlein Inniger Seelen“ aus dem Jahr 1729 ist Tersteegens am weitesten verbreitete Schrift – sie enthält viele Lieder und Gedichte.

Zu Solingen hatte Tersteegen persönliche Kontakte. Einige seiner Werke wurden von Solinger  Verlegern und Buchbindern gedruckt. ein Exemplar mit dem Titel „Brosamen“ aus der Zeit kann ich Ihnen zeigen. In Solingen hatte er Kontakt zu zwei Pfarrern und zu dem Verleger Peter Daniel Schmitz, der seine Schriften druckte. Es gab in Solingen Gruppen, die seine Erbauungsreden lasen und die er immer wieder auch einmal besuchte.

Tersteegen stand mit vielen Menschen im Briefwechsel. Als Seelsorger sprach er seine Adressaten an, manchmal wie ein Therapeut von Schwermütigen. In Mülheim gab er Erfahrungen mit Medizin und Heilkräutern an Kranke weiter. In seinem Nachlass war eine Laborausstattung.

Er selbst erkrankte an Wassersucht und starb 1769 in Mülheim an der Ruhr. Dort ist sein Grab an der Petrikirche, das Mülheimer Heimatmuseum dort ist heute das Tersteegenhaus.

Schon zu Lebzeiten gab es Freundeskreise im Bergischen Land, im Siegerland und in Krefeld. In Heiligenhaus gab es ein Gebäude, wo sich ein Freundeskreis immer wieder auch mit Tersteegen traf, eine kleine evangelische Kommunität: die Pilgerhütte Otterbeck. Unter Tersteegens Anleitung führten 8 Brüder ein gemeinsames Einsiedlerleben, ebenfalls als Weber. Tersteegen übernachtete dort auf seinen Reisen von Mülheim nach Elberfeld. Das Haus wurde im 19.Jahrhundert von Gruppen der Gemeinschaftsbewegung genutzt, aber 1969 für eine Straße zwischen Mülheim und Elberfeld abgerissen.

Eines der Zimmer in der Otterbeck wurde natürlich „Tersteegenzimmer“ genannt. Es gab auch in Mülheim ein Ausflugslokal, das „Tersteegensruh“ hieß. Es gab also nach seinem Tod eine gewisse Verehrung, die er selbst höchtswahrscheinlich befremdlich und unpassend gefunden hätte.

Tersteegens Lieder sind in evangelischen und freikirchlichen Liederbüchern, zwei auch im katholischen Gotteslob. Eine echte Perle ist ein Abend-, besser Nachtlied. Schlaflos durch die Nacht, das hört sich bei Tersteegen so an:

Liedvortrag EG 480 Nun schläfet man

Was nehmen wir von Tersteegen heute mit?

1. Der persönliche Glaube – mehr als ein nur formaler Glaube kann eine emotionale, persönlichen Aneignung des Glaubens einen Menschen prägen. Der Glaube durchdringt den Menschen. Es ist wie ein Liebesverhältnis, vertraut und sehnsüchtig zugleich. Persönlichkeit und Glaube berühren einander. Das ist pietistisch gedacht, passt zu dem Individualismus, der bis heute vielen wichtig ist.

Im Abendmahl, das wir in diesem Gottesdienst feiern, können wir und auch individuell angesprochen erleben, wir können mit unseren Sinnen schmecken und sehen, wie freundlich Gott ist.

2. Die Stille: Tersteegen hat zwar viel gedichtet und veröffentlicht: er war aber kritisch gegenüber allem Geschwätz. Auch gegenüber frommem Gerede: Dann lieber still werden, schweigen. Absehen von eigenen, noch so klugen Gedanken. Stille und Schweigen erleben heute viele Menschen beim Yoga. Immer geht es darum, zur Ruhe zu kommen, sich nicht ablenken zu lassen und andere nicht abzulenken.

3. Die Welt, von der Tersteegen sich abwendete, war von Feudalherrschaft geprägt. Das von Adligen Damen im Barock-Stil ausgestattete Kloster Saarn, der Preußen-König Friedrich II mit seinem Schloss Sanssouci– all das war Tersteegen zu aufgesetzt, vielleicht auch zu weit weg von den Sorgen derer, denen er als Seelsorger nah war. Tersteegen empfahl eine Abkehr von weltlichen Dingen. Was Tersteegen meinte, was ja keine Abkehr von den Nöten der Welt – als Seelsorger und Heiler war er diesem Teil der Welt sehr zugewandt. Gleichzeitig wendete er sich von weltlichem und kirchlichem Machtstreben ab, von oberflächlichem Schnickschnack. Wir würden das heute Achtsamkeit nennen. Sich fokussieren, nicht ablenken lassen von Dauernews, Social media und dem krampfhaften Streben nach Geld und Ansehen. Tersteegen sah und wusste besseres: Es soll nur Jesus sein. Tersteegen rät dazu, von sich selbst abzusehen. Als Seelsorger wird er dem Grübler empfehlen, von seinem Grübeln abzusehen, dem Zweifler von seinem Zweifel, dem, der wieder und wieder den Sinn sucht und nicht findet, rät er, von dieser quälenden Beschäftigung mit sich abzusehen – und nur auf Jesus zu sehen.

4. Eine kritische Bemerkung: Tersteegen macht sich selbst zuweilen sehr klein und spricht für heutige Ohren mit unangemessener Abwertung: Ich bin ein Wurm – auch das ist zwar biblisch, aber viele haben damit ja das Problem, dass sie sich selbst immer schon viel zu klein machen:  unwürdig, geringschätzig und abwertend. Das ist auch ein Problem, und wir sollten nicht mit Tersteegen kritiklos einstimmen in eine Selbstzerknirschung, die nicht passt zu der Macht der Liebe, die uns Menschen doch gilt. 

Also: ein bisschen mehr Tersteegen wagen: das heißt : mehr Gemeinschaft wagen. Mehr Kontakt wagen, mehr Zuwendung zu anderen wagen, Zuwendung zulassen. Mehr Ökumene wagen. Und: Konzentration auf das Wesentliche wagen, sich fokussieren.

Den Sinn nicht dauern ergrübeln, sondern außerhalb von sich selbst entdecken: „es soll nur Jesus sein“. Dann sortieren sich die anderen Lebensbereiche.  

Mehr Tersteegen wagen heißt auch, der Liebe im Glauben mehr Raum geben, den Glauben als eine große Liebesgeschichte sehen, die Bibel als Liebesbrief. Dann wird anderes, irdisches, vergängliches, verlierbares weniger wichtig. Die Liebe hört niemals auf.  Amen.

gehalten am 27.07.2025 von Pfarrer Christof Bleckmann

Fotos: www.gemeindebrief.de

Sommerpredigtreihe Johann Hinrich Wichern

Johann Hinrich Wichern – Theologe und Sozialpolitiker, Visionär und Pragmatiker, ein liebevoller Erzieher, nebenbei der Erfinder des Adventskranzes, vor allem aber ein engagierter Christ und nun auch Glaubensvorbild. Die Kirche verdankt ihm im 19. Jahrhundert die Wiederentdeckung ihres diakonischen Auftrags.

Er weckt die evangelische Kirche Deutschlands mit seinem sozialen Engagement aus dem Schlaf der Selbstgerechtigkeit. Und seine Botschaft ist klar und eindeutig: Taten der Liebe sind wichtiger als schöne Worte. Heute ist die evangelische Kirche ohne Herausforderungen von Nächstenliebe und Diakonie nicht mehr denkbar.

Wer war dieser Mann? Geboren 21.04.1808 – gestorben 07.04.1881 beides in Hamburg, aus einfachen Verhältnissen, 1835 Heirat mit Amanda Böhme (1810-1888) – 9 Kinder, eins verstarb früh – Gezeichnet von mehreren Schlaganfällen stirbt Wichern nach jahrelangem Leiden im Alter von 72 Jahren 1881 im Rauhen Haus in Hamburg.

Das sagt Wikipedia: Johann Hinrich Wichern war ein deutscher Theologe, Sozialpädagoge und Gefängnisreformer. Er gründete das Rauhe Haus in Hamburg und gilt als Begründer der Inneren Mission der evangelischen Kirche, als einer der Väter der deutschen Rettungshausbewegung sowie als Erfinder des Adventskranzes.

Die fett markierten Überschriften möchte ich herausgreifen, um drei Impulse aus dem reichen und vielfältigen Leben und Wirken Wicherns für uns heute fruchtbar zu machen. Ich kann und will hier kein umfassendes Lebensbild Wicherns präsentieren, sonst sind wir morgen noch nicht fertig.

Er gründete das Rauhe Haus in Hamburg

Wichern schreibt als junger Theologe Tagebuch. Und was er an einem Abend aufschreibt, macht ihm Angst und macht ihn sprachlos. In einer heruntergekommenen Wohnung in Hamburg St. Georg hat er eine verwahrloste Familie angetroffen. Alles zerlumpte, blasse Gestalten, klappernd vor Hunger und Frost. „Ich habe in traurige, ausdruckslose Augen gesehen, ohne Hoffnung auf morgen. Feuer haben sie nicht mehr gehabt seit langer Zeit. Zu essen haben sie ein Stück Brotrinde, das sie sich teilen. Was für ein Elend.“ So seine Tagebuchaufzeichnungen.

1832 ist er nach seinem Theologiestudium als frisch berufener Oberlehrer in der Sonntagsschule der evangelischen Gemeinde St. Georg eingesetzt. Mehr als 400 Kinder und Jugendliche sind hier zu betreuen. St. Georg – ein Quartier mit einer jahrzehntelangen Elendsgeschichte. Hierher hatte man schon im Mittelalter Lepra- und Pestkranke gebracht, hier stand auch der Hamburger Galgen, hier ist die Wohnungsnot besonders groß. Es ist eine lebensfeindliche, unfreundliche Gegend. Huren und Trinker machen sich dort die Nacht zum Tag. Haarsträubende Verhältnisse kommen Wichern zu Gesicht – Armut, Gewalt, Verwahrlosung. Und am meisten leiden die Kinder; es gibt keine Zukunft für sie.

Die Städtische Fürsorge ist schon seit langem vollkommen überfordert. Es scheint keinen zu interessieren. Wichern lässt das jedoch alles nicht kalt. Er sieht sich in seinem Glauben herausgefordert. Kein anderer als er selbst muss handeln, frei nach seinem Motto: „Was man will, muss man ganz wollen, halb ist es gleich nichts.“

Wichern sucht Unterstützer und findet sie. Er kann gegen eine günstige Miete eine als „Rauhes Haus“ bekannte Bauernkate erwerben und gründet im Hamburger Vorort Horn seine Anstalt „zur Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder“, die zum Jahresende 1833 mit zwölf Jungen ihre Arbeit startet. Danach wächst die Zahl der Gruppen und mit ihr der Häuser rasch an. Wicherns Ideologie ist keine der damals üblichen Straferziehung, sondern eine religiöse Erziehung in der Gemeinschaft und ein Leben mit dem Evangelium, das von Liebe und Barmherzigkeit, Vergebung und Nächstenliebe spricht. Seine Frau Amanda kümmert sich übrigens immer mit und hat später besonders auch die Mädchen im Blick.

Jedem neuen Kind sagte Wichern zu Beginn bei der Aufnahme: „Mein Kind, dir ist alles vergeben. Sieh um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist. Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel, nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier, du magst wollen oder nicht, du magst sie zerreißen, wenn du kannst, diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld. Das bieten wir dir, und was wir fordern, ist zugleich das, wozu wir dir verhelfen wollen, nämlich, dass du deinen Sinn änderst und fortan dankbare Liebe übest gegen Gott und den Menschen!“

Die tägliche Praxis – das ist es, was für Wichern zählt. Er ließ sich von der Not der Menschen anrühren. Die Stiftung Rauhes Haus ist heute mit verschiedenen Einrichtungen, Wohngruppen und Stadtteilbüros in Hamburg und Schleswig-Holstein vertreten und betreut Kinder, Jugendliche und ihre Familien, alte Menschen, geistig Behinderte und psychisch Kranke. Sie unterhält außerdem die evangelische Wichern-Schule, die Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie und die Evangelische Berufsschule für Pflege.

Begründer der Inneren Mission der evangelischen Kirche

Die Liebe gehört mir wie der Glaube – mit dieser Haltung wirkt Wichern nicht nur intern in seinen familienähnlichen Rettungshäusern, sondern auch in seine Kirche hinein. In Wichern wächst nach vielen Jahren sozialer Arbeit der Wunsch, nicht nur einzelne Menschen, sondern auch Strukturen zu verändern.

Beim Kirchentag in Wittenberg im September 1848 hält Wichern spontan eine 75-minütige leidenschaftliche Rede, die als programmatisch für die moderne Diakonie gilt. Mit seinem zentralen Satz „Die Liebe gehört mir wie der Glaube!“ ruft er die evangelische Kirche auf, sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst zu werden. Sozialarbeit gehört zur ureigenen Aufgabe der ganzen Kirche. Und er hat Erfolg. Ein deutschlandweiter „Centralausschuss für Diakonie“ wird gegründet, die Geburtsstunde der „Inneren Mission“.

Er möchte ins innere der Gemeinden wirken. Die vielen Menschen erreichen, die zwar getauft sind, und so zur Kirche gehören, aber ihre Bindung an sie verloren haben, warum auch immer. Für Wichern gehörten Glaube an Gott und Nächstenliebe, Mission und Diakonie, Erneuerung der Kirche und Erneuerung der gesellschaftlichen Verhältnisse, zusammen. Das Wort Gottes, das Evangelium von Jesus Christus, der Ruf zum Glauben waren für ihn Quelle der Kraft und der Rettung der Menschen.

Seine ersten Ziele: Kampf gegen Revolution und Armut, Betreuung der Strafgefangenen, Schutz von jungen Frauen vor der Prostitution. Jetzt ist Wichern die zentrale Figur in der Organisation und Verknüpfung diakonischer Arbeit in Deutschland. Wicherns Reformideen reichen weit über die kirchlichen Institutionen hinaus. Er wird einer der Berater für das 1849 gegründete preußische Mustergefängnis Moabit, später dessen Direktor. Er wird vom König in die Berliner Kirchenleitung berufen, gründet 1858 die diakonische Ausbildungsstätte Brüderwerk Johannesstift.

Wichern hat nicht zugesehen oder weggesehen, er hat angepackt, zugepackt. Er stand für seinen christlichen Glauben auf der Grundlage des Evangeliums und dem von Jesus Christus überlieferten sog. „Doppelgebot“ der Liebe: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Und das war für ihn nicht nur theologische Fachsimpelei, sondern gelebter, tätiger Glaube. Nächstenliebe und Solidarität, ja, das strahlte Johann Hinrich Wichern aus, dafür steht das Rauhe Haus noch heute: „Wir achten jeden Menschen, ungeachtet seiner Herkunft, Religion oder sozialen Stellung, als ein einmaliges und unverwechselbares Geschöpf Gottes. Wir haben Respekt vor seiner Würde und stärken seine Autonomie. Ursprung und Merkmal aller unserer Aktivitäten ist die christliche Nächstenliebe, solidarisches Engagement und die Entwicklung innovativer Angebote.“

Die Kirche muss zu den Menschen gehen!

Als Gemeinden und als Kirchenkreis ist uns heute hier in Solingen die diakonische Arbeit wichtig. Wie dankbar sind die Menschen, die ich in der Essensausgabe in Ohligs erlebe, für die warme Mahlzeit, die wir ihnen ermöglichen. Für ein gutes Wort und ein Willkommen.

Da ist die Frau, die mit Sach und Pack kommt, einfach nur müde und erschöpft wirkt. Danke, sagt sie, nachdem sie auch bei der Osterandacht mit Osterfrühstück auftaucht. Ich sollte viel öfter herkommen. Da ist der junge Mann, sichtbar betrunken, viele schlecht verheilte Wunden. Er setzt an zu erzählen, findet keine Worte. Sagt dann: Einfach nur Danke hierfür.

Die Kirche muss zu den Menschen gehen. Das hat nie an Aktualität verloren. Jesus hat es vorgemacht, er war nahe bei den Menschen. Paulus ist in alle Welt gereist, um die Liebe Gottes groß zu machen.

Heute erleben wir, dass Menschen nicht mehr hierher kommen, in unsere Gebäude und Versammlungsorte der Gemeinde. Wie viel mehr machen wir uns Gedanken darüber, wie wir zu ihnen gehen können. Und ihnen so den Zugang erleichtern und die Liebe Gottes weitersagen und geben können. Und wir erleben, dass sich 33 Menschen unter der Müngstener Brücke taufen lassen, sich jetzt schon 18 Paare für unser Hochzeitsfest im September angemeldet haben. Wir gehen neue Wege, um die Menschen zu erreichen.

Erfinder des Adventskranzes

Ja, zum Schluss, Punkt 3, was viele wissen, dass Wichern als Erfinder hinter dem Adventskranz steht. Der gehört für uns heute in jeden adventlich geschmückten Haushalt. Kirche und Gemeindehaus ziert ein Adventskranz, in Solingen hat der Adventskranz sogar gewonnen gegenüber dem Weihnachtsbaum auf dem Rathausplatz.

Wichern stellte 1839 im damaligen Betsaal auf dem Stiftungsgelände in Hamburg-Horn den ersten Adventskranz der Welt auf, ein Wagenrad mit vielen Lichtern. Anders als der heute verbreitete Kranz mit vier Kerzen, trug er für jeden Tag bis zum Heiligen Abend eine große weiße für die Sonntage und kleine rote für die Werktage. Wichern wollte die vielen Kinder im Rauhen Haus damit erfreuen und die Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest sinnlich erfahrbar machen. Noch heute wird im Hamburger Rauhen Haus der traditionelle Wichern-Kranz mit – je nach Jahr – bis zu 28 Kerzen entzündet.

Wichern nahm ein Wagenrad und befestigte darauf so viele Kerzen, wie es Tage vom ersten Advent bis zum Heiligen Abend waren – anders als bei den heutigen Adventskalendern, die die Tage vom ersten Dezember bis Weihnachten zählen und dabei natürlich immer 24 Tage anzeigen. Vom ersten Advent bis Weihnachten sind es jedes Jahr unterschiedlich viele Tage – nämlich 22, wenn Heiligabend auf den vierten Adventssonntag fällt, bis höchstens 28, wenn Heiligabend am Sonnabend nach dem vierten Advent ist. 1839 waren es 24.

Einen netten Nebeneffekt hatte der Kranz auch: Die Kinder lernten auf einfache Weise das Zählen. Erst um 1860 wurde der Kranz auch mit Tannengrün geschmückt und setzte sich in evangelischen Kirchen und Privathaushalten bis Anfang des 20. Jahrhunderts allgemein durch.

1925 soll auch erstmals ein Kranz in einer katholischen Kirche in Köln gehangen haben. Spätestens ab der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg findet man ihn in aller Welt und in allen möglichen Formen. Heute gibt es Kränze aus Frottee, aus Plastik, aus Porzellan, ausklappbare Kränze für die Reise und vieles mehr. Eines haben sie alle gemeinsam: Im Gegensatz zum Wichern-Kranz stecken darauf nur noch vier Kerzen – für die Adventssonntage. Die restlichen Kerzen sind im Laufe der Zeit auf der Strecke geblieben.

Ganz zum Schluss – der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, bezeichnete Johann Hinrich Wichern als „die größte Gestalt im deutschen Protestantismus des 19. Jahrhunderts“. Und „er hatte keine Zeit, ein großer Theologe zu werden, weil es ihn eilte, ein guter Christ zu sein“.

„Die Liebe gehört mir wie der Glaube!“ dieses Zitat von ihm aus seiner leidenschaftlichen Rede 1848 in Wittenberg (die übrigens nicht schriftlich vorliegt, da sie so spontan kam und keiner so schnell mitgeschrieben hat) zeigt, was sein Antrieb war und fasst sein Vermächtnis für heute zusammen.

Mir ist Johann Hinrich Wichern schon immer ein wichtiges Vorbild im gelebten und tätigen Glauben gewesen und durch die Vorbereitung für heute einmal mehr.

gehalten am 13.07.2024 von Diakonin Bärbel Albers

Bilder: www.gemeindebrief.de

Sommerpredigtreihe Philipp Melanchthon

Mehr als 15 Jahre wohne ich auf der Melanchthonstraße und zu meiner Schande hat es bis zur diesjährigen Sommerreihe gedauert, mich näher mit dem Reformator zu beschäftigen. Und was soll ich sagen?! Es hat sich gelohnt.

Ich habe einen weltoffenen, humanistisch geprägten Mann kennengelernt, der ein hohes Maß an Dialogfähigkeit besaß und dem bei aller Fähigkeit zum theologischen Abstrahieren das Staunen über Gott nicht verloren ging. In der Einleitung zu seinem ersten theologischen Lehrbuch – des ersten evangelischen überhaupt – schrieb er: Die Geheimnisse der Gottheit sollten wir lieber anbeten als erforschen. Aber er hieß von Haus aus hieß gar nicht Melanchthon.

Am 16. Februar 1497, noch so eben im Mittelalter, wird er als Philipp Schwarzerdt in Bretten geboren. Damals Grenzstadt zwischen der Pfalz und Baden, ist der 2.000 Seelenort immer wieder Begehrlichkeiten ausgesetzt. Und so muss Philip schon im Alter von sieben Jahren erleben, wie seine Heimatstadt zwei Wochen lang vom württembergischen Herzog belagert wird. Den Vater verliert er bereits mit 11 Jahren. Das ständige Hantieren des kurfürstlichen Rüstmeisters mit giftigen Materialien haben wohl eine schleichende Vergiftung ausgelöst. Wieder ist es der Krieg, wenn auch indirekt, der die Lebenswelt des Kindes aus den Fugen geraten lässt.

Diese Erlebnisse haben Philipp geprägt. Die Kriegsangst wird er zeit seines Lebens nicht mehr los. Immer wird er um Ausgleich bemüht sein.

Nach dem Tod des Vaters schickt die Familie ihn in eine angesehene Lateinschule nach Pforzheim. Und wie es manchmal so geht. Philipp wohnt bei einer entfernten Verwandten, die wiederum ist die Schwester von Johannes Reuchlin, eines bedeutenden humanistischen Gelehrten. Und so kommt es zur Begegnung mit dem Humanismus. Diese Geisteshaltung fällt bei dem jungen Mann auf fruchtbaren Boden: Zugang zu Bildung gehöre zur Würde des Menschen, Bildung sei ein Gradmesser für das Niveau einer Gesellschaft. Er stürzt sich auf jede Wissenschaft, lernt, begreift, ein Hochbegabter eben. 17 ist er erst, als er dann in Tübingen als Bester sein Examen abschließt. Doch nicht nur als Selbstzweck.

Er wird ein leidenschaftlicher Lehrer werden mit Blick für die Methodik des Lernen und Lehrens. Er bringt die Gründung dreiklassiger Lateinschulen voran, schreibt Lehrbücher für Studenten, erstellt Lehrpläne für die Kleinen, denn „einen Zweitklässler dürfe man nicht mit schweren, hohen Büchern wie etwa dem Römerbrief beladen“. Ja, und zum Segen oder Leidwesen manchen Schülerdaseins gründet er Oberschulen mit breit gefächertem Lehrplan: nicht nur Sprachen sondern auch Mathematik, Geschichte, Geografie. Sie wurden zum Vorbild des modernen humanistischen Gymnasiums. Für seine Verdienste um das Bildungswesen erhielt Melanchthon schon Ende des 16. Jh. den Ehrentitel „Lehrer Deutschlands“.

Johannes Reuchlin hat Philipp Schwartzerdt auch seinen neuen Namen zu verdanken. Humanisten legten sich gerne griechische oder lateinische Gelehrtennamen zu. „Schwarze Erde“ heißt auf Griechisch: Melanchthon. Im Gebrauch stellt sich der Name aber als kompliziert heraus, so dass Melanchthon sich kurzerhand nur noch Melanthon nannte. Das kann ich gut verstehen.

Wie oft ich schon Melanchthonstraße buchstabieren musste!

An einer anderen Ecke des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, an der Universität zu Wittenberg, wird 1518 ein Griechischlehrer gesucht. Der Kurfürst fragt bei Johannes Reuchlin an, doch der winkt ab und verweist auf seinen entfernten Großneffen Melanchthon, der als dann ein Jahr nach Luthers Thesenanschlag das Zentrum der reformatorischen Bewegung an der Elbe betritt.

Auf den ersten Blick reibt man sich dort die Augen: Der! Melanchthon ist nur 1,50 groß, schmächtig, hat eine dünne Stimme und einen leichten Sprachfehler. Doch nach der Antrittsvorlesung, in der er auf Latein ein humanistisches Bildungsprogramm entwirft, sind alle, auch Luther, restlos begeistert. Die beiden befruchten sich gegenseitig: Luther besucht Melanchthons Griechischunterricht, Melanchthon dessen Theologieverlesung. Bei Luther habe ich das Evangelium gelernt“, sagt der eine. „Dieser kleine Grieche übertrifft mich auch in der Theologie.“ der andere.

An dieser Stelle müssen wir unser Lutherbild zurecht rücken. Die Übersetzungsarbeit in der Wartburg fand nämlich unter tätiger Mithilfe von Melanchthon statt. Weil er Griechisch und Hebräisch einfach besser konnte. Die Lutherbibel ist eigentlich eine Luther-Melanchthon-Bibel.

Es ist bei den beiden keine einfache Männerfreundschaft. Luther, 13 Jahre älter, ließ fast nur seine Meinung gelten. Darunter hat Melanchthon oft gelitten. Aber um der Sache willen, der Reformation, hat er stets loyal an seiner Seite gestanden.

Luther wiederum wusste schon, was er an ihm hatte. In einem Brief an Melanchthon lobt er einmal dessen Dialogfähigkeit bei theologischen Auseinandersetzungen :

Er, Luther, könne nicht so leise treten. Will meinen: Ich kann nur mit dem Kopf durch die Wand.

Ein bisschen „Goldenes Blatt“ an dieser Stelle: Melanchthon lebte die ersten beiden Jahre in Wittenberg in einer Art „Studenten-WG“. Luther, da noch lediger Mönch, bereitete dies Sorge, denn möglicherweise würde Melanchthon nicht genug essen und so seine Gesundheit ruinieren. Er drängte ihn zu heiraten. Melanchthon fügte sich widerwillig und heiratete die Bürgertochter Katharina Krapp. Doch womit Luther nicht gerechnet hatte: Katharina war nicht fähig, einen Haushalt zu führen. Zum Glück besaß Melanchthon einen langjährigen Freund und Diener, der sich um Haushalt und Kindererziehung dann viele, viele Jahre kümmerte.

Jetzt wissen wir ein wenig über Melanchthon und haben immer noch nicht über sein Wirken während der Reformation gesprochen. Melanchthon hat die gesamte Reformationsgeschichte miterlebt und mitgestaltet. Er rang und stritt mit allen Größen seiner Zeit: dem Katholiken Eck, mit Zwingli, Calvin. Über dreißig Jahre ist er auf Achse im Reich, nimmt als die evangelische, theologische Instanz immer und immer wieder an Religionsgesprächen teil: Wie feiert man das Abendmahl recht?

Was bedeutet Gnade? Sollen Kinder getauft werden? Dabei ringt er nicht nur mit den Katholiken um die rechte Art des Glaubens, sondern versucht auch die auseinanderdriftenden evangelischen Strömungen zusammen zu halten.

Zum Ende hin ist er zermürbt und es herzlich leid. In seiner allerletzten Aufzeichnung führt er Gründe an, warum man den Tod nicht fürchten müsse. In einem heißt es: Du wirst befreit von aller Mühsal und der Wut der Theologen.

Eine Sache aus Melanchthons theologischem Erbe habe ich mir herausgepickt. Schon rund 10 Jahre nach Luthers Thesenanschlag bekennen sich neunzehn Länder und Städte zur neuen Lehre und wollen sich nicht mehr von der katholischen Kirche bevormunden lassen. Sie fordern: Jeder Reichsstand müsse selbst in Verantwortung vor Gott entscheiden können, ob er der Reformation folgen oder beim alten Bekenntnis bliebe solle. Die Katholiken sehen die Einheit der Kirche in Gefahr, Karl der V. die Einheit des Reiches.

Um diesen Streit zu schlichten, beruft er 1530 den Reichstag zu Augsburg ein. Und fordert die evangelische Seite auf, in der Reichsversammlung ihren Glauben darzulegen. Luther kann wegen seiner Ächtung durch den Papst Sachsen nicht verlassen. Und so finden an der Grenze in Coburg die letzten Besprechungen statt, danach ist nur noch Briefverkehr möglich.

Die Hauptverantwortung liegt nun bei Melanchthon. Von Mai bis September weilt er in Augsburg und feilt an einem Bekenntnis. Es muss sowohl die Katholiken überzeugen, als auch den verschiedenen Strömungen in den eigenen Reihen genehm sein. Es gilt Formulierungen zu finden, in denen sich jeder wiederfinden kann.

Beim Verlesen in der Reichsversammlung ist er nicht dabei, er bleibt in seiner Augsburger Herberge und weint vor Erschöpfung. All sein Herzblut hat er hineingelegt. In die „Confessio Augustana“, das Augsburger Bekenntnis.

Schon bald wird es als offizielles lutherisches Bekenntnis angesehen. Und so steht es auch in unserem Gesangbuch. Mit allem, was es zum Evangelisch sein braucht.

Ganz besonders natürlich die Ausführungen zur Rechtfertigung in Artikel 4: …Weiter wird gelehrt, dass wir Vergebung der Sünde und Gerechtigkeit vor Gott nicht durch unser Verdienst, Werk und Genugtuung erlangen können, sondern dass wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christi willen durch den Glauben

Sola Fide – Sola Gratia: Luthers Kurzformel: Allein der Glaube, allein die Gnade Ausformuliert, theologisch präzise und doch verständlich. Das konnte Melanchthon wie kein zweiter.

Mir ist ein Satz in Artikel 7 aufgefallen: „Von der Kirche“ Da heißt es u.a.: Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden, wie Paulus sagt: „Ein Leib und ein Geist, berufen zu einer Hoffnung“. Da staunt der Laie: Hab ich doch schon immer gesagt. Welch eine Einsicht!

Für die Einheit der Kirche kann Melanchthon es aushalten, wenn Gott auf unterschiedliche Art und Weise die Ehre gegeben wird. Mit dem Augsburger Bekenntnis wollte er den Laden zusammenhalten. Ziel all seines Wirkens in den dreißig Jahren war immer die Ökumene in ihrem Wortsinn.

Melanchthon wollte eine Kirche für alle Menschen. Einen Arbeitskreis christlicher Kirchen löblich, eine ökumenische Bewegung, immerhin Bewegung. Zwei Kirchen nebeneinander in versöhnter Verschiedenheit – mal mehr versöhnt, mal mehr verschieden – damit hätte ein Melanchthon sich nicht zufrieden gegeben.

Melanchthon wollte zusammenführen und zusammenhalten.

Kein Geringerer als der Theologieprofessor Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., hielt Anfang der 60ger Jahre Melanchthonseminare. Er hoffte, durch dessen Werk die Ökumene voranbringen zu können.

In Augsburg wird die „Confessio Augustana“ abgelehnt. Was folgt sind theologische Auseinandersetzungen zuhauf, der Schmalkaldische Krieg, bis endlich 25 Jahre später wiederum in Augsburg der Religionsfriede geschlossen wird.

In diesen Jahren holten Melanchthon immer wieder seine Kindheitserlebnisse ein. Was muss das mit dem Mann gemacht haben, der doch vor allem eines wollte: Einen. Halt findet er im täglichen Gebet: immer und immer wieder für den Frieden.

Das Bild Cranachs zeigt ihn als einzigen Reformator mit gefalteten Händen. Für Melanchthon war das Gebet stete Übung und Kraftquell zugleich. Vielleicht ist das etwas, was wir von Melanchthon für den Hausgebrauch mitnehmen können: Das Beten. In Zeiten, die uns so verwirren, die belasten, die Sicherheiten in Frage stellen, die uns erschüttern, durch Krieg und Gewalt…

Melanchthon sagte: Sorge und Niedergeschlagenheit treiben mich ins Gebet, und das Gebet vertreibt Sorge und Niedergeschlagenheit.

In dem Buch „Der Bademeister ohne Himmel“ antwortet eine Krankenpflegerin auf die Frage „Warum sie bete: Beten macht Stress klein. Beten macht Stress klein. Das kann man sich vielleicht besser merken.

Am 19.4.1560 verstirbt Philipp Schwarzerdt mit 63 Jahren, sein Lieblingswort aus dem Römerbrief vor Augen: Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein.

Und davon singen wir jetzt.

gehalten von Prädikantin Monika Ruhnau am 27.07.2025

Bilder: www.gemeindebrief de

Sommerpredigtreihe

Kennen Sie schon die evangelischen Personen, die einigen Straßen in Gräfrath und Ketzberg den Namen geben? Lernen Sie diese in unseren Sommergottesdiensten 2025 (sonntags  um  10.30  Uhr)  besser kennen: es sind Theologen, die über ihre Zeit hinaus wirkten. Einige haben bedeutende Schriften oder bekannte Lieder hinterlassen. Sie alle prägen auf unterschiedliche Weise evangelisches Bewusstsein.


Kirche Ketzberg:

13. 7.   Johann Hinrich Wichern (Diakonin Bärbel Albers)

20. 7.   Philipp Melanchthon (Prädikantin Monika Ruhnau)

27. 7.   Gerhard Tersteegen (Pfarrer Christof Bleckmann)

Kirche Gräfrath:

03. 8.   Huldrych Zwingli (Prädikant Dr. Holger Ueberholz)

10. 8.   Dietrich Bonhoeffer (Pfarrer Thomas Förster)

17. 8.   Friedrich Schleiermacher (Pfarrer Thomas Schorsch)

Neue gemeinsame Gottesdienst-Liturgie für Gräfrath und Ketzberg

Die Presbyterien aus Ketzberg und Gräfrath haben während des gemeinsamen Wochenendes im Januar und in Sitzungen des Theologie- und Gottesdienstausschusses eine neue gemeinsame Liturgie erarbeitet.  Dieser Ablauf bestimmt, wie unsere Gottesdienste gefeiert werden, die immer mehr gemeinsam an einem Ort gefeiert werden. Beide Gemeinden werden Vertrautes aus ihren alten Liturgien wiederfinden, aber auch neue Elemente entdecken.

Mit Beginn der gemeinsamen Sommerreihe wollen wir nun gerne unsere Gottesdienste nach dieser neuen, uns verbindenden Liturgie feiern. Wir gehen in eine Probephase und bitten um Rückmeldungen bis zum Jahresende an die Pfarrer oder an Presbyter:innen. Danke!

Bärbel Albers

Bild: www.gemeindebrief.de